Soll ich mein Kind auf Hochbegabung testen lassen?

Wie erkennt man eigentlich ein hochbegabtes Kind? Leider ist der schulische Erfolg kein zuverlässiger Indikator, denn unsere Schulen sind für fleißige und folgsame durchschnittlich Begabte ausgelegt. Um eine Hochbegabung sicher festzustellen, reicht auch ein IQ-Test nicht aus, wenn er nicht durch die Beobachtungen einer Fachperson ergänzt wird. Der bloße Status oder IQ-Wert bringt das Kind nicht weiter. Es geht vielmehr darum, den jungen Menschen mit all seinen Stärken zu sehen und seinem Potenzial zur Entfaltung zu verhelfen.

In dem Moment, wo ein Kind oder Jugendlicher bestimmte “Verdachtsmomente” auf Hochbegabung zeigt UND sich eine Fragestellung in Bezug auf seine Lernumgebung (z.B. Wahl der Schulform oder des Einschulungszeitpunktes) oder sein Verhalten (z.B. Schulverweigerung oder die Rolle des Außenseiters bzw. des Klassenkaspers) ergibt, ist es Zeit für eine Begabungsdiagnostik.

Typische Merkmale hochbegabter junger Menschen

Die folgende Auflistung ist keineswegs vollständig, und es müssen längst nicht alle Eigenschaften bei einem hochbegabten Kind oder Jugendlichen ausgeprägt sein. Je mehr von dieser Liste zutrifft, desto hilfreicher kann allerdings die Vorstellung bei einem Begabungsdiagnostiker sein.

  • außergewöhnliche Merkfähigkeit und schnelle Auffassungsgabe
  • umfangreiches Allgemeinwissen oder Spezialwissen
  • alters- und geschlechtsuntypische Interessen und Hobbys
  • schnelles, logisches, analytisches und divergentes Denken
  • korrekte, flüssige Sprache und großer Wortschatz
  • frühes bzw. eigenständiges Lesen, Schreiben, Rechnen und Benutzen digitaler Medien
  • intensive und außergewöhnlich detaillierte Beobachtung und Wahrnehmung der Umgebung
  • ausgeprägte Kreativität, Fantasie und Problemlösekompetenz
  • hohe Aktivität und Ausdauer, zumindest im Bereich der Spezialinteressen
  • große Neugier und Wissensdurst
  • wenig Motivation und Schusselfehler bei Fleiß- bzw. Routineaufgaben
  • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Autonomiestreben und Hinterfragen von falschen Autoritäten und als sinnlos erlebten Regeln
  • Entwicklungsvorsprünge und Diskrepanz zwischen geistiger, körperlicher und sozial-emotionaler Entwicklung
  • hohe Sensibilität im sensorischen und emotionalen Bereich

Wo und bei wem lasse ich testen?

Nachdem Hochbegabung keine Krankheit ist, geht man dafür nicht zum Arzt oder ins SPZ, sondern zu Psychologen oder Begabungspädagogen, die sich auf hochbegabte junge Menschen spezialisiert haben. Nur sie können das Verhalten ihrer Testpersonen richtig bewerten und z.B. Desinteresse an zu einfachen Aufgaben von Nicht-Können sicher unterscheiden. IQ-Tests, die im Medizinbetrieb zum Ausschluss von ADHS oder zur Diagnostik von Teilleistungsstörungen durchgeführt werden, fallen häufig deutlich zu niedrig aus, auch weil die Testatmosphäre oft nicht ideal ist (das Kind ist müde, kennt den Tester nicht usw.).

Ein solches Testergebnis verhindert unter Umständen, dass junge Menschen als hochbegabt erkannt und entsprechend gefördert werden. Die Schwierigkeiten, die zur Testung geführt haben, werden in vielen Fällen dadurch verstärkt. Nachdem man IQ-Tests nicht einfach wiederholen kann, geht so wertvolle Zeit verloren und das Selbstbild des Kindes kann immensen Schaden erleiden.

Um diese Problematik zu verstehen, musst du wissen, dass Hochbegabung kein Mehr oder Besser ist, sondern eine viel komplexere, mehrdimensionale Art des Denkens und eine intensivere Wahrnehmung. Dieses qualitative Phänomen kann mit einem standardisierten Test, der am Ende Zahlen auswirft, nur unzureichend beschrieben werden. Somit gehört immer ein tiefes Verständnis für das Wesen der Hochbegabung dazu, welches nicht jeder hat, der berechtigt ist, IQ-Tests durchzuführen. Entscheidend ist immer auch die Fragestellung, unter der der Test durchgeführt wird. Für die Diagnostik von ADHS oder Lernstörungen ist eine mögliche Hochbegabung schlichtweg nicht relevant, und so wird der Tester sie nur dann bemerken, wenn entweder zufällig günstige Testbedingungen herrschen oder er sich damit auskennt.

Am besten gleich zum Begabungsdiagnostiker

Geht man zu einem erfahrenen Begabungsspezialisten, ist die IQ-Testung in einen Coaching- und Beratungsprozess eingebunden. Am Ende hast du ein ausführliches Gutachten mit konkreten Förderhinweisen für Schule oder Kindergarten in der Hand, das dir die gesamte Schullaufbahn deines Kindes zur Verfügung steht.

Leider musst du dafür selbst bezahlen, aber die durchschnittlichen Kosten von ca. 400 Euro für die Testung sind gut angelegtes Geld, denn sie ersparen oft kostspielige Therapien oder Nachhilfe. Zudem ist ein fundiertes Testgutachten immer hilfreich bei anstehenden Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg, und es kann die Situation für die betreffenden jungen Menschen und ihre gesamte Familie spürbar erleichtern.

Falls du das Geld für die Begabungsdiagnostik nicht aufbringen kannst, findest du unter Umständen eine kostenfreie oder preiswertere Testmöglichkeit beim zuständigen Schulpsychologen oder indem du dich an eine Universität wendest, die Begabungsforschung betreibt. Bei ersterem bekommst du allerdings oft nichts Schriftliches in die Hand und stehst bei der nächsten Entscheidung oder nach einem Umzug in einen anderen Schulamtsbezirk wieder ohne etwas da.

Erst beraten lassen, dann testen!

Wenn du nicht weißt, ob du dein Kind testen lassen sollst und wenn ja bei wem, dann frage bei der nächstgelegenen Ortsgruppe der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) nach. Dort findest du erfahrene Eltern hochbegabter Kinder aus deiner Region.

Natürlich kann auch ich dich beraten und dir für viele Regionen im deutschsprachigen Raum kompetente Adressen nennen. Schreibe mich einfach an!