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Karin & Svenka Kahl
99830 TREFFURT (D)

Unterforderung bei hochbegabten Schulanfängern

Unterforderung bei hochbegabten Erstklässlern

Viele als hochbegabt erkannte oder einfach clevere Kinder werden vorzeitig eingeschult, aber längst nicht alle. Ein Schulbeginn bereits mit 5 Jahren birgt auch keine Garantie, dass es nicht zu einer Unterforderung kommt. Nachdem intelligente Kinder schneller und selbstständiger lernen als Gleichaltrige, wird der Punkt in jedem Fall während der Grundschulzeit erreicht, oftmals schon in den ersten Schultagen oder -wochen. Sehr oft wird man erst dadurch überhaupt auf eine mögliche Hochbegabung des Kindes aufmerksam.

Alle Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können!

Kinder brauchen, um sich gesund entwickeln zu können, Selbstwirksamkeitserfahrungen. Das heißt sie müssen einen Zusammenhang zwischen ihrem Bemühen und ihren Lernfortschritten bzw. ihrem Erfolg wahrnehmen können. Dafür brauchen sie Aufgaben, die geringfügig über ihrem Fähigkeitsniveau liegen. Schüler, die bereits mehr wissen und können als ihre Klassenkameraden, bekommen oft keine solchen Aufgaben und können daher nur schwer eine Leistungsmotivation entwickeln.

Deshalb ist die mangelnde Förderung hochbegabter Kinder an unseren Schulen, vor allem den Grundschulen, alles andere als ein Luxusproblem! Dauerhafte Unterforderung kann nicht nur Minderleistung (Underachievment) zur Folge haben, sondern auch zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen. Darüber schreibe ich ein andermal ausführlich.

Enttäuschung schon in den ersten Schulwochen

Heute soll es einmal um die typischen ersten Anzeichen der Unterforderung im ersten Schuljahr gehen und darum, was man dagegen tun kann. Diese Chatnachricht meiner Klientin Elvira (Name geändert) vom September 2021 ist eine von vielen, die mich zum Thema Unterforderung in der Grundschule erreichte:

“Mein Sohn Julian wurde vor zwei Wochen eingeschult. Er hat sich sehr darauf gefreut, aber schon am dritten Tag beklagte er sich, dass ihn der Babykram dort nicht interessiert. Schon die erste Hausaufgabe geriet zu einem Machtkampf. Was kann ich tun?”

Meine Antwort möchte ich an dieser Stelle natürlich ebenfalls mit dir teilen: ” Liebe Elvira, falls du schon länger beobachtest, dass dein Sohn sehr schnell lernt, sich für altersuntypische Themen interessiert und geistig auf vielen Gebieten weiter entwickelt ist als gleichaltrige Kinder, dann beschäftige dich einmal mit dem Thema Hochbegabung. Dazu schicke ich dir gern Infomaterial, Link- und Buchtipps und berate und begleite dich und dein Kind individuell.

Davon unabhängig kannst du sofort einiges tun, um die akute Unlust abzumildern. Zunächst einmal: In jedem Schulgesetz steht, dass Kinder entsprechend ihrer Begabung gefördert werden müssen. Das heißt, Lehrkräfte sind verpflichtet, zu differenzieren. Leider sind wir durch Defizite in der Lehrerausbildung, den verbreiteten Lehrermangel, Corona und andere Widrigkeiten weit von diesem Anspruch entfernt.

Dauerhafte Unterforderung ist nicht hinnehmbar!

Dauerhafte Unterforderung kann die Lernfreude und Motivation deines Kindes zerstören und im Extremfall sogar psychische Erkrankungen und psychosomatische Beschwerden zur Folge haben! Betroffene Kinder fallen häufig in der Klasse auf und werden am Ende ausgegrenzt und gemobbt. Du solltest deshalb für dein Kind angemessene Aufgaben einfordern, allerdings auch deinen Teil dazu beitragen.

Wenige Tage oder Wochen nach der Einschulung kannst du noch nicht erwarten, dass die Lehrkraft sich ein genaues Bild vom Leistungsstand, den Interessen und der Motivation eines jeden Kindes gemacht hat. Deshalb biete deine Unterstützung an.

Förderung im Familienalltag

Nimm deine Verantwortung für die Bildung deines Kindes wahr und schaffe zu Hause ein anregendes Lernumfeld. Beobachte, wofür Julian sich interessiert, greife seine Impulse auf und beantworte seine Fragen. Stelle ihm möglichst jeden Tag praktische Aufgaben, an denen er wachsen kann und zeige, dass du sein Bemühen wertschätzt.

Sucht Berührungspunkte zu dem, was Julian in der Schule lernen soll. Dabei entstehen ganz sicher Arbeitsproben, die er mit zur Schule nehmen und der Lehrerin zeigen kann. Du kannst einen Zettel dazulegen, wo du kurz beschreibst, wie die Arbeit entstanden ist. So erhält die Lehrerin mehr Einblick in das, was Julian schon kann, und wie sie ihn begeistern kann. Er kann auch seine Lieblingsbücher, Bastelarbeiten und andere Dinge in der Schule zeigen. Damit motivierst du gleichzeitig deinen Sohn und lenkst die Aufmerksamkeit der Lehrkraft auf seine Stärken.

Meine Tochter hat sich zum Beispiel allerlei Flugapparate ausgedacht, sie gezeichnet und beschrieben. Dann hat sie Protokoll über das Geschehen am Vogelhaus geführt und Steckbriefe von über 30 Vogelarten gezeichnet und geschrieben. Sie hatte eine wunderbare Klassenlehrerin, die solche Arbeiten von Kindern immer gewürdigt und im Klassenraum ausgestellt hat.

Differenzierung im Unterricht ist ein Muss!

Wenn eure Lehrerin erfahren ist im Umgang mit klugen Kindern, wird sie ähnlich reagieren, für diese Unterstützung deinerseits dankbar sein und Julian angemessene Aufgaben geben. Er könnte z.B. Sudoku spielen statt Zahlen in Reihen zu schreiben oder ein Geschichtenheft anlegen statt Wörter abzuschreiben. Oder er darf einmal vor der Klasse seine Lieblingsgeschichte vorlesen. Oder er bekommt schon Arbeitsblätter der 2. Klasse. Es gibt da sehr viele Möglichkeiten.

Meine Tochter betraf dieses Problem auch. Sie hatte das oben erwähnte Geschichtenheft. In Mathe durfte sie gleich in Klasse 2 einsteigen, brauchte aber nicht alle Aufgaben zu schaffen. Zusätzlich gab es Knobelaufgaben. In Sachkunde hat sie sogar mit Vorträgen ganze Unterrichtsstunden gestaltet! Dazu habe ich ihr Fotos zum Präsentieren, Anschauungs- und Bastelmaterial für alle mitgegeben.

Wenn dein Kind jenseits der Norm liegt, bist du immer als MaPa besonders gefragt, die Lehrkräfte zu unterstützen! Natürlich solltest du auch mit deinem Kind über seine besonderen Lernbedürfnisse sprechen, ihm erklären, dass diese völlig in Ordnung, aber nicht immer überall und sofort erfüllbar sind. Besonders begabte Kinder müssen auch lernen, mit Gleichaltrigen, die nicht so fix sind, respektvoll umzugehen. Dafür sollten wir als Eltern sie sensibilisieren.

Hausaufgaben sollten individuell gestellt werden!

Was die Hausaufgaben betrifft, empfehle ich dir, im Gespräch mit Julian die Aufgaben etwas abzuwandeln, so dass sie für ihn interessanter werden. Vielleicht könnt ihr sie schwieriger machen, als Spiel oder Wettbewerb gestalten oder mit seinen Hobbys verknüpfen. Meine Tochter sollte einmal dreistellige Zahlen aus einem Text in eine Tabelle abschreiben und hat das verweigert. Da kam sie selbst darauf, alle ihre Modellautos zu vermessen, zu wiegen und ihnen einen “Ausweis” zu verpassen.

Nicht alle Lehrkräfte tolerieren so viel Eigensinn, und manchmal sind die Hausaufgaben auch Grundlage zum Weiterarbeiten am nächsten Tag. Wenn du nicht sicher bist und die Möglichkeit hast, schreib die Lehrerin kurz über WhatsApp o.ä. an.

Lass auf keinen Fall zu, dass die Hausaufgaben eure Beziehung oder gar das ganze Familienleben belasten! Wesentlich mehr als 30 Minuten sollten sie in den ersten beiden Schuljahren auf keinen Fall beanspruchen! Wenn diese Zeit verstrichen ist und die Aufgaben nicht fertig sind, schreibst du einen Hinweis für die Lehrerin darunter.

Im Gespräch mit der Schule bleiben

Solltest du trotz aller Bemühungen nach 3-4 Wochen keine Veränderung bemerken, ist es Zeit, das Gespräch mit der Lehrkraft zu suchen. Mach dir im Vorfeld Notizen, damit du in der Aufregung nichts vergisst anzusprechen. Nimm am besten noch eine weitere Bezugsperson deines Kindes mit zum Gespräch. Ansonsten stehe ich dir für die Vorbereitung gern zur Verfügung und begleite dich auch zur Schule, wenn du das wünschst, bzw. ich kann mich über Zoom dazuschalten.

Falls sich danach nichts ändert, wende dich an die Schulleitung und notfalls als nächste Instanz an das Schulamt. Falls Julian in der Mehrzahl der Fächer unterfordert ist, könnte eventuell ein Sprung in Klasse 2 in Frage kommen. Es gibt auch die Möglichkeit, in einzelnen Fächern in eine höhere Klasse zu gehen (Drehtürmodell).

Berufe dich immer auf das Schulgesetz deines Bundeslandes und verweise auf deine bisherigen Bemühungen. Dazu solltest du dir am besten immer gleich alles notieren, was du tust, um Julian zu unterstützen, und wie die Reaktion darauf war. Lege dir dafür am besten ein Notizbuch an, in das du auch alle besonderen Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Schule und deine Notizen zu Elterngesprächen schreibst.

Coaching und Beratung führen schneller zu einer Lösung!

So, liebe Elvira, ich denke, ich habe dir einige Anregungen gegeben. Du kannst dich gern zu einem persönlichen Gespräch bei mir melden, wenn du mehr Unterstützung und z.B. Materialempfehlungen möchtest, die speziell auf Julian zugeschnitten sind. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und Julian viel Spaß in der Schule und beim Lernen!”

Findest du dich mit deinem Kind in einer ähnlichen Situation wieder und hast weitere Fragen? Gern berate und begleite ich euch persönlich, auch im Dialog mit der Schule. Das Kennenlerngespräch ist kostenlos, also schreib mir gleich eine Mail oder kontaktiere mich über WhatsApp, Facebook oder Instagram. In dringenden Fällen kannst du mich auch anrufen.