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Karin & Svenka Kahl
99830 TREFFURT (D)

Ist jedes hochbegabte Kind hochsensibel?

Gehören Hochbegabung und Hochsensibilität bei Kindern zusammen?

Sind hochbegabte Kinder immer auch hochsensibel? Es gibt Autoren, die Hochbegabung und Hochsensibilität bei Kindern als zwei Seiten einer Medaille sehen, andere sind der Meinung, dass Hochsensibilität bei Hochbegabten nicht häufiger vorkommt als im Durchschnitt der Bevölkerung (man geht hier von 10-20 % aus).

Den Begriff „Hochsensibilität“ bzw. Hochsensitivität (beides wird meistens synonym verwendet) hat die amerikanische Psychologin Elaine Aron 1996 in ihrem Buch „The Highly Sensitive Person“ geprägt. Darin gibt es einen Fragenkatalog, nach dem man einschätzen kann, ob jemand hochsensibel sein könnte oder nicht.

Bisher ist Hochsensibilität keine offizielle „Diagnose“ und wird deshalb vielfach von nicht Betroffenen belächelt. Allerdings wird derzeit von einer Arbeitsgruppe im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen an einem anerkannten Diagnoseverfahren gearbeitet.

In den von Elaine Aron aufgeführten Anzeichen für eine Hochsensibilität finden sich in der Tat viele Hochbegabte nicht wieder. Deshalb möchte ich hier ein anderes Konzept vorstellen, das schon viel älter als das von Aron ist und den Zusammenhang zwischen Hochbegabung und Hochsensibilität sehr deutlich werden lässt. Ich wage zu behaupten, dass im Sinne von Kazimierz Dąbrowski tatsächlich jeder Hochbegabte auch hochsensibel ist.

Die 5 Overexcitabilities nach Kazimierz Dąbrowski

Kazimierz Dąbrowski (1902-1980) war ein polnischer Psychiater und Psychologe. Seine umfassenden Studien führten ihn zunächst nach Genf und Wien sowie ab 1935 mehrmals für längere Zeit in die USA, wo er stark beachtet wurde. Deshalb sind seine Schriften überwiegend auf Englisch verfügbar.

Dąbrowskis Theorie der positiven Desintegration beschäftigt sich auf eine recht philosophische Weise mit der – vor allem kognitiven – Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt.

Das Konzept der Overexcitabilities (im Folgenden als OE abgekürzt) ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Theorie, kann aber auch losgelöst von ihr betrachtet werden, um den engen Zusammenhang zwischen kognitiver Hochbegabung und einer erhöhten Sensitivität zu verstehen. Insbesondere ist die Kenntnis dieser Overexcitabilities dazu geeignet, hochbegabte und hochsensible Menschen als solche besser zu erkennen.

In den 1960er Jahren führte Dąbrowski Studien an kognitiv und künstlerisch begabten jungen Menschen in Polen durch und arbeitete die folgenden fünf Merkmale bzw. Überempfindlichkeiten heraus, die in späteren Studien anderer Wissenschaftler vielfach bestätigt wurden. Wir bleiben hier aus den oben genannten Gründen beim englischen Begriff.

Bei jedem hochbegabten und hochsensiblen Menschen finden sich alle fünf OE, allerdings in individuell sehr unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung! OE in allen fünf Bereichen sind schon bei sehr jungen Kindern, oft sogar Babys, ein deutlicher Hinweis auf eine mögliche Hochbegabung und Hochsensibilität und sollten, falls Probleme auftreten, immer zuerst an eine Begabungsdiagnostik denken lassen.

Psychomotorische Overexcitability

Diese OE führt leider oft zu Verwechslungen mit Hyperaktivität bis hin zur Fehldiagnose ADHS. Unter anderem können, teils schon im Babyalter, folgende Merkmale auftreten:

  • geringes Schlafbedürfnis
  • große Begeisterungsfähigkeit, die sich in schnelle Bewegungen äußert
  • schnelles Sprechen, immenser Redefluss
  • impulsives Handeln
  • nervöse Angewohnheiten
  • scheinbar schlechte Aufmerksamkeit, z.B. Fummeln an Gegenständen während eines Vortrags (erleichtert die Konzentration auf das Gesagte!)
  • Vorliebe für schnelle Sportarten

Wenn du beobachtest, dass ein Kind, Schüler oder Patient zappelig ist oder wegläuft und dir scheinbar nicht zuhört, dann teste seine Aufmerksamkeit wiederholt durch Nachfragen, und du wirst vielleicht erstaunt sein. Suche dann gemeinsam mit dem Kind nach Möglichkeiten, wie es seinen Bewegungsdrang ausleben kann, ohne andere zu stören (z.B. Stressball drücken, mehr Bewegungspausen).

Sensorische Overexcitability

  • Vorliebe für das Schöne: Kunst, Musik, Tanz, Design, Stil, Sprache…
  • Unverträglichkeit von Speisen, Textilien und anderen Materialien oder Substanzen
  • Überempfindlichkeit auf grelles Licht oder Farben, bestimmte Geräusche, Gerüche, Geschmäcker oder Konsistenzen
  • Bedürfnis nach intensiven Sinnesreizen zum Abbau emotionaler Spannungen

Oft werden Kinder, die ihre intensiv erlebte Vorliebe für oder Abneigung gegen bestimmte Dinge zum Ausdruck bringen, von Erwachsenen nicht ernst genommen. Das führt dazu, dass das Kind immer mehr unter Druck gerät und immer vehementere Formen findet, sich uns mitzuteilen. Irgendwann glauben ihm auch andere Kinder nicht mehr, und es steht als Schauspieler oder sogar Lügner da. Deshalb nimm bitte solche Dinge von Anfang an ernst. Leider ist das auch heute noch nicht selbstverständlich. Immer noch sagt man viel zu oft „Stell dich doch nicht so an!“ – auch zu Erwachsenen.

Intellektuelle Overexcitability

Bei betroffenen Kindern können wir – ebenfalls schon sehr früh – einen immensen Wissensdrang beobachten. Achte auf folgende Merkmale:

  • ausdauerndes und intensives Beobachten und Untersuchen der Umgebung
  • viele Fragen
  • ausdauernde Beschäftigung mit und gute Konzentration bei neuen Inhalten
  • Hinterfragen von Fakten
  • Herstellen von Zusammenhängen
  • vorausschauendes Denken und Planen
  • Denken über das Denken, Philosophieren
  • Beschäftigung mit Werten und Moral

Diese Eigenschaften unterscheiden sich von denen schnell denkender Normalbegabter, die als hoch leistende und gut angepasste Schüler auffallen. Bei letzteren handelt es sich (auf Grund von für sie günstigen Bedingungen im Elternhaus und vor allem im System Schule) um einen Entwicklungsvorsprung, der sich meist nach der Pubertät „verwächst“.

Imaginatorische Overexcitability

Hier geht es vor allem um Kreativität. Ebenfalls ausgeprägt ist das Divergente Denken. Darunter verstehen wir die Fähigkeit, unklare Problemstellungen zu erfassen, Probleme zu formulieren, auf originelle Weise zu strukturieren und eine Vielzahl möglicher Lösungen zu entwickeln.

Kinder mit imaginatorischer OE können folgende Merkmale zeigen:

  • großer Ideenreichtum, auch im künstlerischen Bereich (kann nicht immer umgesetzt werden, weil oft die nötigen motorischen Fähigkeiten fehlen)
  • facettenreiche, poetische, teils dramatische Sprache
  • sehr detailliertes Visualisieren künftiger Ereignisse (daraus resultierend manchmal Angst vor Unbekanntem)
  • erfinden imaginäre Begleitpersonen oder -objekte für sich, mitunter als Ersatz für Freunde, die sich die Kinder wünschen
  • Vermischung von Realität, Fiktion und Illusion
  • Sinn für Humor, teils sehr spezielle Witze
  • komplexes Träumen, auch in Farbe, anfällig für Alpträume

Auch diese Merkmale, vor allem das magische Denken und Beleben von Objekten, werden oft als Hinweis auf ein krankhaftes Geschehen fehlinterpretiert. Sieh solche Fantasien bei Kindern deshalb immer im Kontext und denke zuerst an eine OE!

Emotionale Overexcitability

Die emotionale OE nimmt eine zentrale Stellung ein, weil sich in ihr noch einmal die Fähigkeit zu intensivem Erleben, die Sensibilität als Ganzes, und eine große Empathie ausdrücken.

Das sind die typischen Anzeichen:

  • starke Zuneigung für und emotionale Bindung an andere Menschen und Tiere
  • extremes Erleben und Ausdrücken sowohl angenehmer (Freude, Begeisterung, Glück) wie unangenehmer Gefühle (Angst, Wut, Trauer, Sorge, Schuldgefühle, Gefühle von Minderwertigkeit, depressive und suizidale Stimmungen)
  • Anpassungsschwierigkeiten, nicht nur in neuen Umgebungen
  • starke Identifikation mit den Gefühlen anderer
  • große Hemmungen und starke Schamgefühle (können z.B. beim Vorsingen oder Vorlesen vor der Klasse auftreten)

Gerade in diesem Bereich erleben sich hochsensible junge Menschen als anders, weil sie von Dingen stark berührt werden, die anderen offenbar gleichgültig sind. Hier ist es wichtig, dass wir als Erwachsene diese Emotionen ernst nehmen, sie wertschätzen und dem Kind helfen, damit umzugehen und seine Feinfühligkeit als besondere Qualität für sich zu nutzen. Stelle vor allem niemals ein emotional sensibles Kind vor Gleichaltrigen bloß und schreite ein, wenn du so einen pädagogischen Fehlgriff bemerkst!

Ein Fallbeispiel: Lisa findet auf dem Weg zur Schule auf der Straße eine überfahrene Amsel. Der Vogel tut ihr so leid, dass sie sofort stark zu weinen anfängt. Sie holt den Amselmann von der Straße und begräbt ihn mit bloßen Händen in einer Grünanlage. Völlig verschmutzt und immer noch in Tränen aufgelöst kommt sie verspätet in der Schule an. Nachdem sie der Lehrerin erklärt hat, was passiert ist, erntet sie von dieser ein Kopfschütteln und in der Folge spöttisches Gelächter fast von der gesamten Klasse. Noch lange danach wird sie von einigen Mitschülern immer wieder wegen des Vorfalls „aufgezogen“.

Coaching und Beratung für hochsensible Kinder und ihre Eltern

Wenn dein Kind hochsensibel ist und du manchmal an deine Grenzen kommst oder Unverständnis erntest, hol dir Unterstützung von Experten. Im Kopf dieser Seite kannst du auf den WhatsApp-Button klicken und ein kostenloses und unverbindliches Erstgespräch mit mir vereinbaren. Ein Coaching zum Thema Hochsensibilität lässt sich prima online durchführen. In unserer Elterncommunity haben wir viele Ideen für die Begleitung hochsensibler Kinder in Elternhaus, Schule und Kita zusammengetragen, die auch für eure Situation hilfreich sein können. Auf Wunsch berate ich auch die Lehrkräfte deines Kindes.
Im Netzwerk Hochsensibilität
findest du weitere Adressen in deiner Region. Ich war bis vor kurzem ebenfalls dort gelistet, habe mich aber letztendlich gegen eine kostenpflichtige Mitgliedschaft entschieden.