Selbstwirksamkeit

Hilfe, mein Kind zockt und hängt dauernd am Handy!

Fragst du dich manchmal, warum Handy, Tablet und Laptop bzw. das Internet so eine Faszination auf unsere Kinder ausüben? Für mich ist das völlig natürlich, denn das sind die wichtigsten Werkzeuge unserer Kultur! Kinder sehen uns täglich stundenlang damit hantieren und die verschiedensten Aufgaben erledigen. Der Umgang mit digitalen Medien und das Suchen und Auswerten von Informationen mit deren Hilfe sind heute Kulturtechniken, die gleichberechtigt neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen stehen.

Kulturtechniken unterliegen einem Wandel

In der Schule jedoch kam zumindest vor Corona ein Großteil der jungen Menschen höchst selten mit einem Computer in Kontakt. Die miserable Ausstattung der Schulen mit Hardware und die mangelnden IT-Kenntnisse vieler Lehrkräfte, manchmal gepaart mit einer ablehnenden Haltung, haben das Schulsystem ab März 2020 vor nie gekannte Herausforderungen gestellt. Spätestens da dürfte allen Eltern klar geworden sein, dass sie die Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder nicht an die Schule abgeben können.

Insgesamt dürfen wir dankbar dafür sein, dass die Pandemie bei der Digitalisierung unserer Schulen so viel ins Rollen gebracht und so manchen verantwortlichen Erwachsenen gezwungen hat, seine Komfortzone zu verlassen. Dabei wurde viel Erstaunliches und Wertvolles geleistet!

Lernen, was relevant ist

Was heißt das nun konkret? Unsere Kinder möchten genau wie wir das lernen, was für sie von Bedeutung ist. Sie verstehen, dass das Internet ein universelles Medium ist, das es sich zu beherrschen lohnt. Auch heute nimmt das Erlernen dieser Fähigkeiten in den Lehrplänen in der Schule noch zu wenig Raum ein bzw. es ist schlecht strukturiert oder beginnt für viele Kinder zu spät. Also lernen sie den Umgang mit dem Netz eigenständig. Der indische Bildungsforscher Sugata Mitra hat bereits 1999 mit seinem “Hole-in-the-Wall”-Experiment nachgewiesen, dass junge Menschen dazu in der Lage sind. Berichte dazu findest du bei YouTube.

Eltern sind das wichtigste Vorbild

Natürlich wird sich dein Kind das meiste von dir abschauen, und du kannst es dabei prima unterstützen. Ich halte für wichtig, dass ihr über die Gefahren sprecht, die ja durchaus im Netz lauern: unangemessene Inhalte, Falschinformationen, Computerviren, Datenklau und Schlimmeres. Du kannst dein Kind nur davor schützen, wenn du mit ihm gemeinsam viel darüber lernst, und nicht, indem du es möglichst lange vom Internet fern hältst!

Sprecht unbedingt über das, was ihr online so macht. Interessiere dich dafür, was dein Kind spielt und welche Webseiten es besucht. Zeige ihm öfter etwas von dem, was du im Internet recherchierst oder schaut mal zusammen YouTube.

Auch was den Ausgleich zur anstrengenden Bildschirmarbeit betrifft, bist du das Vorbild. Wenn du selbst mit dem Handy ins Bett gehst und es auch bei Tisch nicht ohne aushalten kannst, dann wundere dich nicht, dass dein Kind es dir nachmacht. Und nein, deine Chatnachrichten und Mails sind NICHT wichtiger als die deines Kindes, auch wenn sie dienstlich bzw. geschäftlich sind! Von wem soll dein Kind hier lernen, gesunde Grenzen zu setzen, wenn nicht von dir?

Reale Erfahrungen für alle Sinne sind vorrangig

Digitale Medien dürfen niemals Ersatz für persönlichen Umgang und für Erfahrungen im echten Leben sein! Gerade kleine Kinder bilden ihre psychomotorischen Fähigkeiten noch aus. Das klappt nur, wenn sie sich viel bewegen und ihre Sinnesorgane schulen können. Bei Kindern sollten diese Aktivitäten auf jeden Fall im Vordergrund stehen, und auch da ist dein Vorbild maßgebend! Wann warst du zuletzt mit deinem Kind wandern, Rad fahren, im Zoo oder im Schwimmbad? Für einen Spaziergang, einen Spielplatzbesuch, ein spontanes Picknick oder Ballspiel sollte mehrmals in der Woche Zeit sein. Dann ist es auch kein Problem, wenn dein Kind frühzeitig mit Handy oder Tablet umgeht.

Auch Schulkinder brauchen Bewegung als Ausgleich für die sitzende Tätigkeit und die viele Nah-Arbeit in der Schule. Frische Luft und ein freier Blick in die Ferne tragen zu einem gesunden Schlaf und besserer Konzentration bei. Solange dein Kind genug davon bekommt, kannst du in Bezug auf Handy und PC unbesorgt sein. Sollte das nicht so sein, wirst du mit Medienverbot die Situation nur verschlimmern. Geh lieber ins Gespräch mit deinem Kind und sucht nach Möglichkeiten, wie ihr Sport und Outdoor-Aktivitäten wieder attraktiv machen könnt. Schließt euch am besten mit befreundeten Familien zusammen.

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind spiel- oder internetsüchtig ist, dann überlege zuerst, welches unerfüllte Bedürfnis dahinter steckt. Lasse dich am besten rechtzeitig beraten. Oft haben außenstehende Fachleute einen klareren Blick auf die Situation und können frustrierte oder in sich gefangene junge Menschen besser erreichen als die eigenen Eltern. Nur mit Sanktionen erreichst du lediglich eine Verschlechterung eurer Beziehung und schaffst für dein Kind ein weiteres unerfülltes Bedürfnis, dem es potenziell mit einer Sucht begegnen könnte. Je früher du reagierst, desto besser. Aber so weit muss es nicht kommen, wenn Kinder behutsam an die digitalen Medien herangeführt werden.

Medienverhalten verantwortungsvoll begleiten ohne Verbote

Svenka stellte mir schon mit 2 Jahren Fragen, die ich ihr ohne das Internet nicht beantworten konnte (z.B. “Wie spricht ein Dachs?”). Ich nahm sie auf den Schoß und durchstöberte mit ihr das Tierstimmenarchiv. Mit etwa 4 Jahren bekam sie eine Laptop-Maus für ihre kleine Hand. Damit durfte sie, während ich am Nebentisch arbeitete, Puzzlespiele spielen und sich durch die Website der Sendung mit der Maus klicken. Tablets und Smartphones hatten wir damals noch nicht, und Fernsehen gab es nur bei Ompa. Als Svenka ein Jahr später schon etwas lesen konnte, habe ich ihr einige Websites für Kinder in die Lesezeichenleiste gelegt und ihr MS Paint zum Malen gezeigt.

In der 1. Klasse hat sie den Internetführerschein abgelegt. Die Seite hatte sie selbst über ein Kinderportal gefunden. Sie konnte da auch schon selbstständig Fragen zu ihren gelesenen Büchern in Antolin beantworten. In der 2. Klasse hat sie am Mathe-MOOC für Erwachsene bei iversity teilgenommen. Seit der 3. Klasse ist sie in den sozialen Netzwerken unterwegs und hat ein Tablet. Das Handy gab es erst mit knapp 13 Jahren.

Computerspiel als Ersatz für fehlende Freiräume und wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung

Junge Menschen haben ein sicheres Gespür dafür, wie sie ihre ureigenen Bedürfnisse nach persönlichem Wachstum, Selbstwirksamkeit, Wertschätzung und Zugehörigkeit zu einer für sie sicheren und inspirierenden Gemeinschaft befriedigen können.

Zocken, am Handy daddeln oder stundenlanges Scrollen in den Sozialen Netzwerken ist bei ihnen auch Ausdruck ihres ganz normalen Autonomiestrebens. Unser Nachwuchs verbringt viel mehr strukturierte Zeit unter Aufsicht von Erwachsenen als wir in unserer Kindheit. Viele haben kaum noch Freiräume, wo sie frei spielen, sich entspannen, Dinge ausprobieren, Risiken eingehen, selbstbestimmt lernen und miteinander interagieren dürfen.

Computerspiele sind meistens sehr klug nach den Erkenntnissen der Hirnforschung aufgebaut. Für erlernte Fähigkeiten wird der Spieler unmittelbar belohnt, indem er das nächste Level erreicht. Das Spiel passt sich immer perfekt an das jeweilige Fähigkeitsniveau an und bietet Aufgaben, die knapp darüber liegen und somit Erfolgserlebnisse ermöglichen. So werden im Prozess des Spielens angenehme Emotionen angesprochen, die das Lernen und Dranbleiben erleichtern. Die gesamte unterhaltsame Aufmachung verstärkt diesen Effekt.

Zum Glück gibt es inzwischen auch Lern-Apps wie König der Mathematik oder Duolingo, die nach diesen Prinzipien funktionieren. Spielen ist die effektivste Art des Lernens überhaupt. Auch Wissenschaftler, Erfinder und Künstler tun im Grunde genommen nichts anderes. Deshalb hat in der Erwachsenenbildung der Trend Gamification schon lange Einzug gehalten, während vor allem das staatliche Schulsystem in diesem Bereich noch viel Nachholbedarf hat. Wenn du es nicht glaubst, blättere einmal einige Lehrbücher für das Gymnasium durch und vergleiche sie mit solchen für Erwachsene!

Nur durch Vertrauen kann Selbstregulation erlernt werden!

Mit 11 Jahren wechselte meine Tochter an eine demokratische Schule, wo es wesentlich mehr Freiheiten gibt als im staatlichen Schulsystem. Da wurde dann zunächst jedes noch so primitive Spiel ihrer Freunde ausprobiert. Für einige Wochen schien das Töchtis Lebensinhalt zu sein. Dann wurde es plötzlich wieder uninteressant bis auf gelegentliches Minecraft-Spielen oder selten mal eine Runde Overwatch mit ein paar Kumpels. “Zocken” war nie ein Reizthema. Wir haben auch nie die Zeit beschränkt, außer wenn dringende Aufgaben wie Sachen packen oder Müll rausbringen anstanden.

Dass Bildschirm gucken anstrengend ist, vor allem dann, wenn man deshalb zu wenig schläft, hat Töchti aus Erfahrung lernen dürfen. Sie spürte irgendwann selbst, wann es Zeit war, die Inliner an die Füße zu ziehen und nach draußen zu gehen.

Was Svenka mit Hilfe von Tablet und Stift inzwischen zaubert, kannst du regelmäßig in den sozialen Netzwerken, hier auf der Website, im Newsletter und unseren Printmedien bewundern. Hätte ich die Zeit begrenzt, die sie am Tablet sein darf, hätte sie vielleicht nie ihr Talent für und ihr Interesse an digitaler Kunst entdeckt.

Wir waren immer über alles im Gespräch, und es gab nie auch nur den Anschein eines Pro­blems. Natürlich ist unser Beispiel nicht auf jedes Kind übertragbar, aber die grundsätzliche Herangehensweise ist es schon!

Auf unserer Facebookseite und auf dem Instagram-Profil sowie in unserem Newsletter bekommst du von uns regelmäßig Tipps für kindgerechte und unterhaltsame Websites, Apps, Computerspiele und Podcasts. Stöbere am besten gleich mal danach!

Wenn das Medienverhalten deines Kindes für dich nicht akzeptabel ist, melde dich gern bei mir und lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen!

Lernen ist ein Bedürfnis. Bildung geschieht zeitlebens. Nur die Schule steht oft im Weg.

Was ist Bildung

Bildung ist was sich bildet, während wir uns mit unseren Mitmenschen, unserer Umwelt und den Aufgaben, die uns das Leben stellt, auseinandersetzen. Bildung geschieht ununterbrochen. Wir treten also – zeitlebens! – mit allem, was uns umgibt, in Interaktion, bekommen Rückmeldung und speichern in diesem Prozess die von unserem Gehirn als bedeutsam erachteten Informationen und Erfahrungen ab, um sie später zur Bewältigung neuer Herausforderungen nutzen zu können.

Wer ist für die Bildung verantwortlich?

Nachdem Kinder weitgehend hilflos und abhängig zur Welt kommen, ist es naturgegeben, dass wir Erwachsenen auch zunächst die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder übernehmen müssen. Wir sind verantwortlich dafür, in welcher Umgebung unsere Kinder aufwachsen und welche Erfahrungen sie machen können.

Auf der anderen Seite bringen Kinder jegliche Motivation und die Fähigkeit, sich zu bilden, schon ab Geburt mit. Es kommt darauf an, dass wir dieses Potenzial unserer Kinder sehen, darauf vertrauen, es beschützen, günstige Bedingungen schaffen und die Verantwortung nach und nach den Kindern übertragen.

Durch unsere Berufstätigkeit kommen die meisten Kinder schon frühzeitig in die Fremdbetreuung. Daran ist per se nichts falsch, denn es ist für Kinder von Vorteil, wenn sie auch Erfahrungen außerhalb der Familie und mit wechselnden Bezugspersonen machen können. Nicht umsonst sagt man “Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein Dorf”. Auch in traditionellen Gesellschaften werden schon Kleinkinder in einer Gemeinschaft betreut.

Was läuft falsch?

Was nicht förderlich ist für eine gelingende Bildung sind die strikte Sortierung nach Jahrgängen, die immer stärker werdende Normierung und die Reglementierung unserer Kinder. Viele Stunden des Tages verbringen sie sitzend in geschlossenen Räumen und sind gezwungen, sich ihr Weltwissen aus zweiter Hand in Form von Lehrervorträgen, Schulbüchern und Arbeitsblättern zu erschließen, statt mittendrin im Leben zu sein.

Kinder haben immer weniger Zeit und Raum zum freien Spiel und zum forschenden und entdeckenden Lernen, das jedem Baby angeboren ist. An dessen Stelle treten immer mehr von Erwachsenen angeleitete und strukturierte Aktivitäten. Spätestens im Lauf der Grundschule werden die meisten jungen Menschen zu lustlosen Pflichterfüllern, wie Gerald Hüther in einem Video auf YouTube sagt.

Der Erwerb des schulischen Lernstoffes bereitet immer mehr Kindern und Jugendlichen immer mehr Schwierigkeiten. Ihren Unmut und ihre Verzweiflung machen sie durch auffälliges Verhalten deutlich, in der Hoffnung, dass den Verantwortlichen endlich etwas auffällt.

Statt das System Schule von Grund auf neu zu erfinden und dabei von den Potenzialen unserer Kinder und den Erfordernissen für das Überleben der Spezies Mensch auf diesem Planeten auszugehen, machen wir schön weiter wie bisher und betreiben Augenwischerei.

Schule müsste von Grund auf neu erdacht werden!

Die Bildungsdebatte findet an Nebenschauplätzen wie G8 oder G9 oder der Einführung eines Unterrichtsfachs “Glück” statt, während heilige Kühe wie die sogenannte Schulpflicht nicht angetastet werden. Da ließe sich tatsächlich eine Veränderung bewirken, aber man sieht lieber weiter zu und schiebt den jungen Menschen, die sich nicht reibungslos in die starren Strukturen einfügen, die Verantwortung für das Versagen der Bildungspolitik zu, indem man sie mit Diagnosen wie ADHS, ASS, LRS oder Dyskalkulie zum Symptomträger eines kranken Schulsystem macht.

In den Schulgesetzen der Länder finden sich allerlei schöne Versprechungen, aber die Realität sieht anders aus. In einer Schule, die nach dem Vorbild von Kirche, Militär und Fließband erschaffen wurde, kann man keine Menschen heranbilden, die Werte wie Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme, Ehrlichkeit, Vertrauen, Mut und Eigenverantwortung vertreten. Diese sind dringend nötig, um die Herausforderungen der menschlichen Gesellschaft zu lösen, vom Weltfrieden über den Klimawandel bis zu Pandemien und Hunger.

Trotzdem macht man schön weiter wie bisher und sortiert alles aus, was über oder unter dem Durchschnitt liegt. Denn es geht in der Schule leider nicht um Bildung, sondern um Unterwerfung. Sonst würde man nicht an all die verschiedenen Schüler dieselben Anforderungen stellen und sie entsprechend bewerten und sortieren.

Wie gelingt Bildung?

Gerald Hüther hat im Film “Kinder” von Reinhard Kahl formuliert, was Kinder brauchen, um sich gut bilden und entwickeln zu können:
1. eine Gemeinschaft, in der sie sich aufgehoben fühlen
2. Vorbilder, an denen sie sich orientieren können
3. Aufgaben, an denen sie wachsen können

Ergänzen möchte ich noch, dass Kinder auch Vertrauen brauchen, und dass Druck kontraproduktiv ist. Leider ist in der Pädagogik die Defizitbrille das gängigste Arbeitsmittel, und die Schwarze Pädagogik mit ihren Einschüchterungen und Bestrafungen hat noch lange nicht ausgedient. Die Tatsache, das Angst unser Großhirn blockiert und nachhaltiges Lernen verhindert, ist hinreichend bekannt, wird aber im Schulbetrieb geflissentlich ignoriert.

Bei einer immer größer werdenden Zahl von jungen Menschen werden diese Grundbedürfnisse in der Schule nicht mehr erfüllt. Ihr Potential verkümmert, sie leiden und werden oft mit Diagnosen und Medikamenten abgespeist. Lasst uns das nicht länger hinnehmen!

Bildung muss Vielfalt zulassen!

Wenn du ein Kind hast, das unter dem Schulsystem leidet, wenn du selbst schlimme Erfahrungen machen musstest, wenn du in der Schule arbeitest und dir deinen Beruf ganz anders vorgestellt hast, lass uns austauschen.

Lass uns vernetzen, Ideen und Meinungen austauschen, gemeinsam mehr Eigenverantwortung wagen und Settings schaffen, in denen Lernen eine Freude und ein Bedürfnis ist und in denen Bildung gelingt!