Karin Kahl

Müllerhof Mittweida — ein wunderbarer Lernort mitten in Sachsen

Ein zauberhafter Lernort mitten in Sachsen

Schon seit einiger Zeit sind wir über die sozialen Netzwerke im Austausch mit dem Müllerhof e.V. in Mittweida. Hier haben sich viele kreative, sympathische, neugierige und tatkräftige Menschen zusammengefunden, um einen einmaligen außerschulischen Lernort für alle Generationen zu schaffen. Unter dem Dach eines liebevoll restaurierten und dekorierten alten Gemäuers finden Kreativkurse, Selbsthilfegruppen, Kulturveranstaltungen und vielfältige Projekte Raum. Das ist selbstbestimmte Bildung für die ganze Familie, wie auch wir sie verstehen und mögen!

Als wir vor einiger Zeit die Einladung zur Künstlerischen Sommerakademie bekamen, hat uns das sehr gefreut, und wir mussten unsere Zusage nicht lange überlegen. Schwer fiel lediglich die Auswahl zwischen all den tollen Kursangeboten: Porträt- und Landschaftsmalerei, Handlettering, Buchbinden, Steinbearbeitung, Holzschnitzen und Retro-Trend-Batik standen dieses Jahr auf dem Programm.

Unter den Teilnehmern, deren Alter etwa von 8 bis 80 Jahren reichte, und ihren Kursleitern entstand ein wunderbarer Austausch, der weit über die Inhalte der Akademie hinausging.

Wir haben uns letztlich dazu entschlossen, gemeinsam am Buchbinde-Workshop teilzunehmen. Dank der detaillierten, motivierenden und geduldigen Anleitung von Frank Niemann fiel uns das Abmessen, Falzen, Zuschneiden und Kleben gar nicht so schwer wie gedacht. Mit dem richtigen Handwerkszeug und etwas Übung entstanden ein richtiges Büchlein, ein Heft, mehrere außergewöhnliche Leporellos mit Falt- bzw. Festeinband und die Grundlage für einen Tischschmuck.

Ich blieb anschließend bei Frank Niemann und übte mich zum ersten Mal in meinem Leben freiwillig im dekorativen Schreiben. Bei Vorträgen oder Coachings würde ich gern meine Gedanken spontan so illustrieren können, dass mein Gegenüber sie auch entziffern kann. Außerdem möchte ich mich nicht mehr vor dem Schreiben von Glückwunschkarten drücken müssen.

In der Schule war Schönschreiben nämlich das rote Tuch für mich, und es hagelte regelmäßig Vieren, Lehrerschelte und besorgte Kommentare von meiner Ma. Besonders frustrierend waren meine Versuche mit der Bandzugfeder im Kunstunterricht Klasse 5.

Und nun hatte Frank am ersten Kurstag eben diese Bandzugfedern für uns vorbereitet! Wer mich kennt, weiß, dass ich Herausforderungen mag — also machte ich mich ans Werk. Freiwillig und ohne Druck klappte es! Nach einigen Erklärungen und Vorübungen gab uns Frank eine Vorlage, auf die wir Transparentpapier legen und sie abschreiben durften. So hatten wir gleich die Chance auf einen ersten Erfolg. Und siehe da, mein Ergebnis kann sich sehen lassen! Alle Buchstaben lesbar, keine Kleckse auf dem Blatt… Sogar die Strichstärken stimmen halbwegs. Nur meine Hände sahen noch genau so schwarz aus wie damals.

Am zweiten Tag hatten wir unter anderem die Aufgabe, innerhalb von mehreren Wellenlinien auf dem Papier einige Worte zum Thema Urlaub anzuordnen und zu gestalten. Zum ersten Mal in meinem Leben machte mir das Malen von Buchstaben richtig Spaß! Aus der Nähe kann man noch die zittrigen Linien erkennen, aber mein Werk als Ganzes macht Lust auf mehr!

Handlettering ist ein schönes Hobby, und es lohnt sich zu üben, vor allem, wenn einem jemand wie Frank sagt, wie es geht, und man auch wertvolles Feedback von Kursteilnehmerinnen bekommt, die schon länger dabei sind!
Frank Niemann hat übrigens auch eine sehr informative Website.

Svenka hat ihre Entscheidung für Batik ebenfalls nicht bereut. Von der engagierten Kursleiterin, der Chemnitzer Textildesignerin Simone Michel, konnte sie insgesamt drei Techniken erlernen und ausprobieren. Ein paar einmalig gefärbte Oberteile sind so entstanden!

Am letzten Tag der Akademie konnten wir auf einem Rundgang die Werke aus den anderen Kursen bewundern. Ich hätte am liebsten eine Woche Verlängerung beantragt, um die restlichen fünf Angebote ausprobieren zu können.

Auch die freundlichen Damen in der Küche trugen mit kühlen Getränken, Kaffee und einem einfachen, aber leckeren Mittagessen zum Erfolg der Akademie bei. Schön, dass wir so unsere Gespräche auch in der Pause fortsetzen konnten. Last but not least danken wir Heike und allen MitstreiterInnen vom Orga-Team!

Auf dem Müllerhof ist uns in jedem Raum, in jedem Winkel die pure Lebensfreude und Kreativität begegnet. Viel Engagement braucht es, um so einen wunderbaren Ort zu erschaffen und am Leben zu erhalten. Wir sind sehr dankbar für dieses inspirierende Ferienerlebnis, wünschen allen Beteiligten weiterhin gutes Gelingen und freuen uns auf ein Wiedersehen!

Wenn dich dieser Bericht neugierig gemacht hat, dann schau gern auf der Website vom Müllerhof vorbei und informiere dich, was es dort noch alles gibt. Mittweida ist eine Reise wert! Vielleicht sehen wir uns beim nächsten Mal?

Langeweile in den Ferien

Langeweile in den Ferien

„Mir ist so langweilig!“

Wie oft hörst du diese Klage in den Ferien von deinem Kind? Wie geht es dir damit?

In den sozialen Netzwerken kann man mit Beginn der Ferien darauf warten, dass genervte Eltern Rat suchen, weil ihre Kinder zu Hause nicht ausgelastet und unleidlich sind.

Warum können sich Kinder so schlecht allein beschäftigen?

Schon sehr früh sind die meisten Kinder für viele Stunden täglich in der Fremdbetreuung. Daran ist grundsätzlich nichts falsch, aber das Setting ist in der Regel so, dass der Tag durchstrukturiert ist und sämtliche Aktivitäten von Erwachsenen initiiert und angeleitet werden.

Auch in der Familie haben die Kinder oft mehr Verpflichtungen als Freiräume und Zeit für eigene Ideen. Viele moderne Spielzeuge schränken die Kreativität unserer Kinder stark ein, indem sie zu viel vorgeben. Der Überfluss in den Kinderzimmern tut ein übriges.

Welche Bedürfnisse haben Kinder überhaupt?

Wenn unsere Kinder unzufrieden sind, liegt das immer daran, dass ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllt sind. Gerald Hüther hat diese im Film „Kinder“ von Reinhard Kahl folgendermaßen formuliert:

„Eigentlich braucht jedes Kind drei Dinge: Es braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann. Es braucht Vorbilder, an denen es sich orientieren kann. Und es braucht Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.

Für die Erfüllung dieser drei Bedürfnisse müssen wir als Erwachsene sorgen, dann können sich Kinder gesund entwickeln.

Vertrauen und Eigenverantwortung oder Dauer-Bespaßung?

Da, wo wir unseren Kindern ein gutes Vorbild sind, sie an unserem Leben teilhaben lassen, ihnen Zugang zu den Gemeinschaften bieten, deren Teil wir selbst sind, und ihnen zutrauen, sich selbst geeignete Aufgaben zu stellen und weitere Gemeinschaften für sich zu finden oder zu schaffen, tun wir als Eltern oder Pädagogen genug.

Wenn wir jedoch alle Strukturen und Regeln vorgeben und erwarten, dass die Kinder uns widerspruchslos folgen, nehmen wir ihnen die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu lernen.

An Stelle der intrinsischen Motivation und der angeborenen Freude am Spielen, Lernen und Entdecken tritt das Bestreben, es uns recht zu machen, Lob zu bekommen und Strafen zu vermeiden.

Gut angepasste Kinder haben weniger Probleme in der Schulzeit

Wenn dein Kind das Glück hat, dass sein Entwicklungsstand, seine Interessen und seine Persönlichkeit kompatibel mit den Anforderungen des Schulalltags sind – herzlichen Glückwunsch! Dann sollte euer Familienleben während der Schulzeit vergleichsweise entspannt sein. Denn die oben genannten drei wichtigen Bedürfnisse deines Kindes werden in der Schule weitgehend erfüllt.

Genau deshalb kann es allerdings sein, dass ausgerechnet in den Ferien Stress aufkommt. Die Gemeinschaft, in der dein Kind lernt, ist plötzlich nicht mehr täglich verfügbar, es bekommt keine Aufgaben mehr gestellt und anstelle der Lehrkräfte bist du jetzt das Vorbild für dein Kind.

Du bist der wichtigste Lehrer deines Kindes

Bist du auf diese Rolle vorbereitet? Eigentlich ist es deine ureigenste Aufgabe als Mama oder Papa! Über viele Jahrzehnte hat man uns glauben gemacht, dass es Experten braucht, die über die Bildung und Erziehung unserer Kinder entscheiden. Dabei kennen wir unsere Kinder am besten und wissen, was sie benötigen.

Höre auf dein Kind und lass dich nicht verunsichern. Nimm dir Zeit, gemeinsam mit ihm die Ferien zu genießen. Es müssen nicht immer große Reisen und spektakuläre Unternehmungen sein. Auch kleine gemeinsame Projekte in Haus und Garten, Spaziergänge, Zoobesuche oder Radtouren können zu schönen Ferienerinnerungen werden und nachhaltige Lernerfahrungen sein.

Wir von MenschensBILDUNG geben dir auf Facebook und Instagram an jedem Wochenende und in den Ferien Tipps, wie Langeweile bei euch gar nicht erst aufkommt. Wenn du konkrete Unterstützung möchtest, kontaktiere uns gern bzw. komm in unsere kostenlose Facebook-Gruppe Bunte Vögel – Talente entdecken statt Defizite bekämpfen.

Langeweile und Unterforderung im Unterricht

Langeweile im Unterricht und Begabtenförderung à la DDR

In diesem Artikel möchte ich mit dir meine eigenen Erfahrungen mit Unterforderung und Langeweile in der Schule teilen. Schon früh musste ich Strategien finden, damit umzugehen und meinem Schulbesuch einen Sinn zu geben.

Später erhielt ich zunehmend Unterstützung von Lehrkräften, die mein Potenzial und meine Bedürfnisse sahen und mir erlaubten, mich innerhalb der Schulgemeinschaft zu engagieren. So wurde nebenbei auch verhindert, dass ich auf Grund meiner Andersartigkeit gemobbt wurde.

Meine Schulzeit war von 1974 bis 1986 in der DDR. Im Rückblick ist mir klar, warum meine Eltern nie zu Elternabenden gingen. Telefon und Internet gab es damals noch nicht. Die Beschwerden der Lehrer über mein dauerndes Schwatzen und meine Unlust im Unterricht kamen trotzdem an, denn der Mann meiner Klassenlehrerin war Arbeitskollege meines Vaters. Vieles erledigte man damals “auf dem kleinen Dienstweg”.

Wie alle Kinder kam ich erwartungsfroh in die Schule, freute mich darauf, Neues erleben, erfahren und entdecken zu dürfen, aber vom ersten Tag fühlte ich mich unverstanden. Wenn sich andere Kinder freuten, einen neuen Buchstaben kennenzulernen, konnte ich das gar nicht nachvollziehen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon keine Erinnerung mehr daran, wie ich lesen gelernt hatte. Ja, ich war sogar sehr verwundert, dass man das überhaupt lernen musste. Was war nur falsch an mir?

Zunächst meldete ich mich eifrig und wollte mein Wissen teilen, doch dauernd musste ich warten und wurde vertröstet, bis ich immer stiller wurde und auch nichts mehr fragte.

Irgendwann wurde ich Meisterin im Wegträumen. Während der Monologe der Lehrerin oder in der Stillarbeit dachte ich mir Geschichten aus. Trotzdem bekam ich mit, wann ich meine Antennen wieder auf den Unterricht richten musste. Das ist eine wertvolle Fähigkeit, und man kann es lernen. So konnte ich immer das Geforderte abliefern und bekam nicht zu viel negative Aufmerksamkeit.

In der Grundschule war das für mich die einzige Chance, vor Langeweile nicht verrückt zu werden, denn dort werden Kinder sehr engmaschig beobachtet und reglementiert.

Zum Glück gibt es heutzutage mehr Freiarbeit und Montessori-Methoden als früher und weniger Frontalunterricht. Die vielen Wiederholungen sind aber nach wie vor eine Tortur für clevere Kinder.

Ab Klasse 5 konnte ich im Unterricht unter der Bank lesen oder meine Geschichten und fixen Ideen in ein Heft schreiben. Meine Hausaufgaben machte ich immer gleich in der Schule. Auch meine Häkelsachen hatte ich oft dabei. Meistens wurde es toleriert, denn ich konnte ja auf Fragen antworten und bei Klassenarbeiten meine Leistung abliefern.

Zum Glück beschäftigten sich auch meine Mitschüler zunehmend anderweitig im Unterricht, Briefchen schreiben und kleine Streiche waren in unserer Klasse mehr die Regel als die Ausnahme, und ich nahm die gute Stimmung dankbar an. Nebenbei halfen wir uns gegenseitig bei den Aufgaben. Die Lehrer gingen damit recht entspannt um, solange der Unterricht ansonsten lief.

Etwa ab Klasse 6 durfte ich bei manchen Fachlehrern komplette Unterrichtsstunden allein gestalten, was mir große Freude gemacht hat und bei meinen Klassenkameraden sehr gut ankam. Ich durfte im Unterricht anderen Schülern gezielt helfen und wurde ab Klasse 8 sogar als Vertretungslehrerin und Leiterin mehrerer AGs eingesetzt. Die Vorbereitungen dafür durfte ich in der Unterrichtszeit machen.

Öfter wurde ich auch an Schultagen zu Wettbewerben geschickt oder erledigte Wege für meine Lehrer. Sie liehen mir auch regelmäßig ihre besten Bücher aus und teilten Material von Fortbildungen mit mir.

Bei Veranstaltungen durfte ich mit organisieren, moderieren und beim Karneval in die Bütt steigen.

Damals hatte noch nie jemand das Wort “Hochbegabung” gehört, aber besonders die sogenannten Neulehrer, Arbeiter, die nach 1945 im Osten Deutschlands im Schnellverfahren zu Lehrern gemacht wurden und sich ein Leben lang fortbildeten, wussten durch ihre Lebenserfahrung, was ich brauchte. Und davon profitierte unsere ganze Klasse. Ich war zwar dadurch Außenseiterin, wurde bewundert und belächelt zugleich, aber ich wurde akzeptiert und niemals gemobbt und fühlte mich zumindest in den oberen Klassen sehr wohl in der Schule.

Heute scheint es weniger Toleranz für von der Norm abweichende Lernbedürfnisse und alternative Beschäftigungen zu geben. Als Mutter von Svenka bekam ich immer wieder Beschwerden, wenn sie sich in ihrer Not eigene Aufgaben stellte.

Aber es gab auch positive Beispiele. Durch die Altersmischung in der Schuleingangsphase und das Engagement der Klassenlehrerin wurde in den ersten beiden Schuljahren viel unnötige Langeweile vermieden. Svenka durfte da schon Geschichten schreiben, Vorträge halten, und ihre Arbeiten von zu Hause wurden in der Klasse ausgestellt. So erfuhr sie die Wertschätzung, die jedes Kind braucht, und auf dieser Basis wuchs auch ihre Frustrationstoleranz bei Routineaufgaben und Wartezeiten. An Anpassung ist ja nichts falsch, solange sie nicht STÄNDIG verlangt wird.

Die Deutschlehrerin in Klasse 4 konnte Svenkas Quatschgeschichten, die sie aus den “Lernwörtern” schrieb, wertschätzen, und sie halfen schließlich auch den Mitschülern. Worüber man gelacht hat, das behält man bekanntlich am besten im Gedächtnis.

Der Englischlehrer in der 5. Klasse duldete es, dass sie lieber Harry Potter auf Englisch las und mit ihm über seine Katze parlierte, als Anfänger-“Vokabeln” von der Tafel abzuschreiben. Warum auch nicht?

Ich wünsche mir, dass immer mehr Lehrkräfte erkennen, dass ALLE Schüler Aufgaben brauchen, die knapp über ihrem Fähigkeitsniveau liegen, um lernen und sich gesund entwickeln zu können.

Fangen wir doch einmal bei uns selbst an: Auch wir Erwachsenen müssen MANCHMAL eine langweilige Veranstaltung über uns ergehen lassen. Wie verhalten wir uns da? Wie schnell zücken wir dann das Handy, oder wir gehen nach draußen “eine rauchen”, falls das erlaubt ist! Aber von manchen Kindern verlangen wir, JEDEN TAG mehrere Einheiten von 45 Minuten bei massiver Unterforderung, Langeweile und Desinteresse durchzustehen und genau das zu machen, was wir verlangen. Ich finde das höchst unfair.

Da, wo Differenzierung schwer fällt bzw. Lehrer mit administrativen Aufgaben überlastet sind und den Arbeitsaufwand für individuelle Aufgaben einfach nicht stemmen können, hilft es, den betreffenden Schülern mehr Eigeninitiative zuzutrauen und zu erlauben. Mein eigenes Beispiel und das von Svenka sollten das lediglich illustrieren und ein paar Ideen in den Raum stellen, die man auch heute noch umsetzen kann.

Hochbegabung, Exekutivfunktionen und ADHS

Als Eltern hochbegabter Kinder mit Passungsproblemen in Schule oder Kindergarten hören wir öfter Klagen von PädagogInnen über unsere Sprösslinge. Mitunter werden sogar ADHS-Diagnosen in den Raum gestellt, eine „Abklärung“ oder im Extremfall sogar gleich eine Medikamentengabe verlangt.

Auch zu Hause haben wir so manche Herausforderung, bei der die üblichen Erziehungstipps einfach nicht fruchten. Wie oft glauben wir, dass wir als Eltern einfach Versager sind? Wir fühlen uns nicht verstanden und finden einfach keine Unterstützung.

Wenn dir das bekannt vorkommt, dann lies bitte weiter.

Sind hochbegabte Kinder Chaoten?

Warum fällt es machen Kindern trotz hoher Intelligenz schwer,

  • ihre Hausaufgaben zu notieren?
  • ihre Sachen unter Kontrolle zu haben?
  • Handlungsabläufe zu planen und umzusetzen?
  • mehrteilige Anweisungen und Arbeitsschritte zu befolgen?
  • ihr Zimmer aufzuräumen?
  • im Unterricht still zu sitzen?
  • bestimmte Bedürfnisse aufzuschieben, bis eine notwendige Arbeit fertiggestellt ist?
  • mit Enttäuschungen, Planänderungen oder neuen sozialen Situationen umzugehen?

Der Grund dafür ist, dass es viele hochbegabte Kindern schwerer haben, Exekutivfunktionen zu entwickeln. Dabei geht es um kognitive Fertigkeiten, die dem Kind ermöglichen, die oben genannten Erwartungen zu erfüllen und ihr Verhalten selbst zu regulieren.

„Exekutiv“ heißt „ausführend“, das heißt diese Funktionen werden benötigt, um bestimmte Aufgaben erfolgreich erledigen zu können. Sind die Exekutivfunktionen unzureichend entwickelt, kann das Kind sich bemühen wie es will, aber die Aufgabe gelingt einfach nicht. Am Ende ist es frustriert und versteht nicht, wieso es ständig getadelt wird.

Eltern und Lehrkräfte versuchen es immer wieder vergeblich mit Erklärungen, gutem Zureden, Anschreien, Bestechung oder Strafen zu manipulieren und schieben sich dabei oft gegenseitig die Schuld für die scheinbar mangelnde Kooperationsbereitschaft des Kindes zu. Alle erzieherischen Maßnahmen, die bei „normalen“ Kindern funktionieren, laufen immer wieder ins Leere, und der Leidensdruck bei allen Beteiligten ist groß. Schnell stehen dann Diagnosen wie AD(H)S im Raum.

Was sind Exekutivfunktionen?

Wir unterscheiden 11 Exekutivfunktionen, davon betreffen 5 eher das Denken und 6 eher das Handeln.

Die Einteilung und die Anregung zu diesem Artikel habe ich dem folgenden Buch entnommen:

Ped Dawson / Richard Guare: SCHLAU, ABER…
Hogrefe 2016, ISBN 978-3-456-85680-3

Exekutivfunktionen des Denkens

  • Arbeitsgedächtnis (Informationen im Gedächtnis behalten, während man eine komplexe Aufgabe ausführt, dabei auf Vorerfahrungen zurückgreifen können)
  • Planen / Setzen von Prioritäten (zielgerichtet arbeiten und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden)
  • Organisation (Ordnungssysteme schaffen und Dinge wiederfinden)
  • Zeitmanagement (Zeitbedarf für Aufgaben abschätzen und Fristen einhalten)
  • Metakognition (eigenes Denken und Verhalten distanziert betrachten und so Probleme lösen können) — hier sind hochbegabte junge Menschen meistens gut aufgestellt, und das hilft ihnen und uns, die Schwächen bei den übrigen Exekutivfunktionen aktiv anzugehen.

Exekutivfunktionen des Handelns

  • Reaktionshemmung (erst denken, dann handeln)
  • Emotionale Regulation (sich beherrschen können, um bestimmte Ziele zu erreichen)
  • Aufmerksamkeitssteuerung (bei einer Aufgabe bleiben können, auch wenn man müde, gelangweilt oder abgelenkt ist)
  • Initiieren von Handlungen (rechtzeitig mit Aufgaben anfangen)
  • Zielgerichtete Beharrlichkeit (Aufgaben zu Ende führen und sich nicht ablenken lassen)
  • Flexibilität (Pläne an veränderte Bedingungen anpassen können)

Exekutivfunktionen können abhängig von der Tagesform und den äußeren Bedingungen sein. Psychische Anspannung oder Ermüdung können einen sehr großen Einfluss haben.

Auch bei der IQ-Testung sind diese Faktoren von Bedeutung. Beim WISC-V ist das Arbeitsgedächtnis einer von fünf primären Indexwerten. Gibt es hier einen „Ausreißer“ nach unten, wird häufig auf ADHS geschlossen. Es kann dafür allerdings auch eine Menge andere Gründe geben.

Wie kann ein Defizit bei den Exekutivfunktionen entstehen?

Die wichtigste Phase für die Entwicklung der Exekutivfunktionen ist das 3.–7. Lebensjahr. In diese Zeit fallen üblicherweise Aktivitäten wie freies Spielen, Rollenspiele, erste Regelspiele, Bauen, Malen und Basteln. Die Interaktion unter Spielpartnern trägt besonders zur Ausprägung von Exekutivfunktionen bei.

Viele hochbegabte Kinder sind sehr „kopflastig“ und haben wenig Interesse an alterstypischen Beschäftigungen. Durch ihren kognitiven Entwicklungsvorsprung werden sie von Gleichaltrigen oft nicht verstanden und als „komisch“ wahrgenommen. In der Folge finden sie schwerer Spielpartner und können wichtige Entwicklungsprozesse nicht durchlaufen. Das ist ein Grund, weshalb für hochbegabte Kinder eine strenge Sortierung nach Jahrgängen wenig förderlich ist. Sie sollten nicht nur regelmäßig mit Gleichaltrigen interagieren dürfen, sondern mindestens genau so häufig mit gleich Befähigten und gleich Interessierten!

Weiterhin ist es wichtig zu bedenken, dass es hochbegabten Kindern auf Grund ihrer vernetzten und mehrdimensionalen Denkweise schwerer fällt, sich lineare Abläufe (z.B. mehrteilige Anweisungen) zu merken. Auch ihre eigenen Vorhaben und Pläne sind komplexer als die gleichaltriger Kinder, und die Exekutivfunktionen reichen häufig noch nicht aus, um die Pläne auch umzusetzen bzw. die Arbeit daran auch zu Ende zu führen. Hier brauchen sie viel mehr Training und behutsame Begleitung als durchschnittlich begabte Gleichaltrige.

Wie können wir hochbegabten Kindern helfen, ihre Exekutivfunktionen zu verbessern?

Hochbegabte Kinder sind sich ihres Mangels meistens sehr wohl bewusst, haben aber keine Angebote, um sich eigeninitiativ verbessern zu können, weil oft die Passung mit der Lernumgebung ungenügend ist. Von Vorteil ist es, wenn sich die Kinder an älteren Geschwistern oder Freunden orientieren können. Erzieherische Strenge oder ausgeklügelte pädagogische Maßnahmen sind dagegen häufig sogar kontraproduktiv, weil sie an den Bedürfnissen des Kindes vorbeigehen und dessen Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle verstärken, statt die Motivation zu heben.

Zunächst einmal ist es wichtig, den Druck herauszunehmen und den Kindern Erfolgserlebnisse und Selbstwirksamkeitserfahrungen (ich strenge mich an und erreiche dadurch ein Ziel) zu ermöglichen.

Dazu ist es nötig, zunächst die Umgebung und die Aufgaben an das derzeitige Fähigkeitsniveau des Kindes anzupassen. Von dort ausgehend bespricht man mit dem Kind auf Augenhöhe die zu gehenden Schritte.

Bevor wir jedoch an den schwächeren Exekutivfunktionen „herumdoktern“, ist es wichtig, auch die stärker ausgeprägten Exekutivfunktionen zu identifizieren und mit dem Kind zu überlegen, wie es mit deren Hilfe seine Schwächen ausgleichen kann (z.B. Kind ist nicht sehr ausdauernd, kann aber gut planen, oder Kind hat Schwächen im Arbeitsgedächtnis, kann aber gut Ordnung halten).

Sei am besten einmal ehrlich zu dir und mache eine Bestandsaufnahme deiner Exekutivfunktionen. Dann siehst du, dass du auch nicht in allen gut bist und das mit deinen Stärken mehr oder weniger gut kompensierst.

Hochbegabung, Exekutivfunktionen und ADHS

Wenn tatsächlich ADHS-Symptome auftreten, dann sind immer gleichzeitig mehrere Exekutivfunktionen betroffen. Zentral sind dabei die Reaktionshemmung, die Aufmerksamkeitssteuerung und das Arbeitsgedächtnis. Können wir die Symptome sowohl in der Schule aus auch zu Hause und in der Freizeit über einen längeren Zeitraum beobachten, ist es an der Zeit, die Ursachen abzuklären.

Ursachen für ADHS-Symptome

Nachdem ADHS Ausdruck einer Überforderung der Anpassungsreserven (also des Gesamtsystems) ist, gibt es in der Regel mehrere Ursachen, und das macht die Suche so aufwändig. Eine ursächliche Behandlung ist jedoch in jedem Fall viel nachhaltiger und birgt weniger Risiken als eine Medikation (die natürlich zur Milderung des Leidensdruckes versucht werden kann, wenn andere Lösungen noch nicht zur Verfügung stehen).

Faktoren, die die Exekutivfunktionen beeinträchtigen bzw. das Auftreten von ADHS-Symptomen begünstigen, können unter anderem in den folgenden Bereichen zu suchen sein:

  • Seh- oder Hörprobleme
  • Wahrnehmungsstörungen
  • frühkindliche Reflexe
  • Entwicklungsrückstände und asynchrone Entwicklung
  • Umweltgifte
  • Allergien
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Ernährungsfehler
  • Bewegungsmangel
  • allgemeine Überreizung, z.B. durch Medien
  • familiäre Verstrickungen und Konflikte
  • Traumata
  • Passungsprobleme in der Schule

Hier gilt es, Belastungen schrittweise da abzubauen, wo es möglich ist, bis die Symptome beherrschbar werden und der Leidensdruck nicht mehr so stark empfunden wird. Es gibt da keine Patentlösungen. Hilfreich ist es immer, einen ganzheitlich und naturheilkundlich arbeitenden Kinderarzt aufzusuchen, der gut mit Fachleuten und TherapeutInnen aus verschiedenen Bereichen vernetzt ist.

Hochsensibilität als Verstärker

Bei vielen hochbegabten Kindern kommt eine ausgeprägte Hochsensibilität als erschwerender Faktor hinzu. Die Frage, ob Hochsensibilität hier als Ursache oder als Auswirkung zu sehen ist, ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Wenn du dir bei dieser Thematik Austausch und Unterstützung wünschst, schreib mich gerne an.

Facebook-Gruppe "Bunte Vögel – Talente entdecken statt Defizite bekämpfen"

Unsere Facebook-Gruppe “Bunte Vögel – Talente entdecken statt Defizite bekämpfen”

Schon seit meiner Kindheit bin ich fasziniert von Vögeln: von ihrem bunten Gefieder, ihrer Fröhlichkeit, ihrem emsigen Treiben, ihrer Sensibilität und vor allem von ihrer Fähigkeit, im Schwarm zusammenzuhalten und sich bei Gefahr einfach zu erheben und davonzufliegen an einen besseren Ort. Letzteres wünschte ich mir so sehr vor allem während meiner ersten 4-5 Schuljahre, bevor ich auf wunderbare Lehrer traf, die mein Potenzial erkannten und mir das gaben, was ich brauchte.

Meine Geschichte

Kurz vor Einschulung bekam ich von meiner Mama und meiner Patentante einen grünen Wellensittich. Mein Lorchen wurde meine Trösterin in den schlimmsten vier Jahren meines Lebens. Einmal, da war ich etwa 8 Jahre alt war, zeichnete ich das Bild einer Vogelvoliere, in der sich viele Stare, Amseln und Spatzen tummelten. Auch einige Krähen und Elstern waren mit darin, und die hackten auf die kleineren Vögel ein. Mitten in der Voliere stand ein winziger Käfig, in dem ein bunter Wellensittich saß, der nicht heraus konnte. Eine Krähe saß auf dem Dach des Käfigs und versuchte vergeblich, auf den Wellensittich einzuhacken. Der saß ganz verängstigt auf dem Käfigboden und ließ die Flügel hängen. Das war mein damaliges Lebensgefühl bezüglich Schule.

Vögel sind unsere Herzenstiere

Als Svenka klein war, rettete ich einmal einen jungen Spatz aus unserer Regentonne. Ich wärmte das nasse, frierende Vögelchen in meinen Händen und gab es auch Svenka. Da ging ihr Herz für Vögel auf, und es folgten viele Besuche bei Ornithologen, Vogel-Päpplern, in Falknereien und Vogel-Zoos. Aus solchen freudvollen Erlebnissen konnten und können wir beide immer wieder Kraft schöpfen. Leider können wir uns keine eigenen gefiederten Freunde leisten, weil wir so viel unterwegs sind.

Svenka sagte einmal in der 3. Klasse: “Du, Mama, ich hab das Gefühl, in der Schule sehen mich alle als Schwarzes Schaf an. Dabei möchte ich doch nur ein bunter Vogel sein und akzeptiert werden wie ich bin.” Als wir später einmal zusammen durch Berlin liefen, meinte sie plötzlich zu mir: “Hier können wir endlich die bunten Vögel sein, die wir sind. Und das Beste daran ist, dass wir damit nicht auffallen, weil in Berlin jeder ein bunter Vogel ist und auch sein darf.”

Somit mussten wir nicht lange überlegen, wie unsere Facebook-Gruppe heißen soll:

Bunte Vögel – Talente entdecken statt Defizite bekämpfen

In der Gruppe wollen wir allen Eltern, deren Kinder Passungsprobleme im Schulsystem haben, einen sicheren Raum für den Austausch und die Vernetzung untereinander, mit uns und anderen Fachleuten geben. Wir wollen immer mehr jungen Menschen ermöglichen, dass sie auf Augenhöhe, ganzheitlich, stärken- und ressourcenorientiert begleitet werden.

Auch andere Experten und Pädagogen, die unsere Werte teilen und sich für mehr Vielfalt und Menschlichkeit im Kontext von Bildung einsetzen, sind herzlich willkommen.

Unsere wichtigste Erkenntnis aus Svenkas heftiger Schulkrise war nämlich, dass Erwachsene immer ihren Blick auf die Stärken ihrer Kinder, Schüler oder Patienten richten müssen, damit sich diese gut fühlen und die Kraft haben, ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen zu überwinden.

Fühlst du dich angesprochen?

Dann schau gern in der Gruppe vorbei. Bitte beantworte unbedingt die Eingangsfragen und achte darauf, dass du ein Profilbild hast, denn wir möchten, dass sich alle in der Gruppe sicher fühlen.

Und hier geht’s lang: Bunte Vögel – Talente entdecken statt Defizite bekämpfen

Wir freuen uns auf dich!

P.S.: Svenka hat das Titelbild der Gruppe auch zum Ausmalen gestaltet.
Du kannst es hier downloaden.

Soll ich mein Kind auf Hochbegabung testen lassen?

Wie erkennt man eigentlich ein hochbegabtes Kind? Leider ist der schulische Erfolg kein zuverlässiger Indikator, denn unsere Schulen sind für fleißige und folgsame durchschnittlich Begabte ausgelegt. Um eine Hochbegabung sicher festzustellen, reicht auch ein IQ-Test nicht aus, wenn er nicht durch die Beobachtungen einer Fachperson ergänzt wird. Der bloße Status oder IQ-Wert bringt das Kind nicht weiter. Es geht vielmehr darum, den jungen Menschen mit all seinen Stärken zu sehen und seinem Potenzial zur Entfaltung zu verhelfen.

In dem Moment, wo ein Kind oder Jugendlicher bestimmte “Verdachtsmomente” auf Hochbegabung zeigt UND sich eine Fragestellung in Bezug auf seine Lernumgebung (z.B. Wahl der Schulform oder des Einschulungszeitpunktes) oder sein Verhalten (z.B. Schulverweigerung oder die Rolle des Außenseiters bzw. des Klassenkaspers) ergibt, ist es Zeit für eine Begabungsdiagnostik.

Typische Merkmale hochbegabter junger Menschen

Die folgende Auflistung ist keineswegs vollständig, und es müssen längst nicht alle Eigenschaften bei einem hochbegabten Kind oder Jugendlichen ausgeprägt sein. Je mehr von dieser Liste zutrifft, desto hilfreicher kann allerdings die Vorstellung bei einem Begabungsdiagnostiker sein.

  • außergewöhnliche Merkfähigkeit und schnelle Auffassungsgabe
  • umfangreiches Allgemeinwissen oder Spezialwissen
  • alters- und geschlechtsuntypische Interessen und Hobbys
  • schnelles, logisches, analytisches und divergentes Denken
  • korrekte, flüssige Sprache und großer Wortschatz
  • frühes bzw. eigenständiges Lesen, Schreiben, Rechnen und Benutzen digitaler Medien
  • intensive und außergewöhnlich detaillierte Beobachtung und Wahrnehmung der Umgebung
  • ausgeprägte Kreativität, Fantasie und Problemlösekompetenz
  • hohe Aktivität und Ausdauer, zumindest im Bereich der Spezialinteressen
  • große Neugier und Wissensdurst
  • wenig Motivation und Schusselfehler bei Fleiß- bzw. Routineaufgaben
  • ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Autonomiestreben und Hinterfragen von falschen Autoritäten und als sinnlos erlebten Regeln
  • Entwicklungsvorsprünge und Diskrepanz zwischen geistiger, körperlicher und sozial-emotionaler Entwicklung
  • hohe Sensibilität im sensorischen und emotionalen Bereich

Wo und bei wem lasse ich testen?

Nachdem Hochbegabung keine Krankheit ist, geht man dafür nicht zum Arzt oder ins SPZ, sondern zu Psychologen oder Begabungspädagogen, die sich auf hochbegabte junge Menschen spezialisiert haben. Nur sie können das Verhalten ihrer Testpersonen richtig bewerten und z.B. Desinteresse an zu einfachen Aufgaben von Nicht-Können sicher unterscheiden. IQ-Tests, die im Medizinbetrieb zum Ausschluss von ADHS oder zur Diagnostik von Teilleistungsstörungen durchgeführt werden, fallen häufig deutlich zu niedrig aus, auch weil die Testatmosphäre oft nicht ideal ist (das Kind ist müde, kennt den Tester nicht usw.).

Ein solches Testergebnis verhindert unter Umständen, dass junge Menschen als hochbegabt erkannt und entsprechend gefördert werden. Die Schwierigkeiten, die zur Testung geführt haben, werden in vielen Fällen dadurch verstärkt. Nachdem man IQ-Tests nicht einfach wiederholen kann, geht so wertvolle Zeit verloren und das Selbstbild des Kindes kann immensen Schaden erleiden.

Um diese Problematik zu verstehen, musst du wissen, dass Hochbegabung kein Mehr oder Besser ist, sondern eine viel komplexere, mehrdimensionale Art des Denkens und eine intensivere Wahrnehmung. Dieses qualitative Phänomen kann mit einem standardisierten Test, der am Ende Zahlen auswirft, nur unzureichend beschrieben werden. Somit gehört immer ein tiefes Verständnis für das Wesen der Hochbegabung dazu, welches nicht jeder hat, der berechtigt ist, IQ-Tests durchzuführen. Entscheidend ist immer auch die Fragestellung, unter der der Test durchgeführt wird. Für die Diagnostik von ADHS oder Lernstörungen ist eine mögliche Hochbegabung schlichtweg nicht relevant, und so wird der Tester sie nur dann bemerken, wenn entweder zufällig günstige Testbedingungen herrschen oder er sich damit auskennt.

Am besten gleich zum Begabungsdiagnostiker

Geht man zu einem erfahrenen Begabungsspezialisten, ist die IQ-Testung in einen Coaching- und Beratungsprozess eingebunden. Am Ende hast du ein ausführliches Gutachten mit konkreten Förderhinweisen für Schule oder Kindergarten in der Hand, das dir die gesamte Schullaufbahn deines Kindes zur Verfügung steht.

Leider musst du dafür selbst bezahlen, aber die durchschnittlichen Kosten von ca. 400 Euro für die Testung sind gut angelegtes Geld, denn sie ersparen oft kostspielige Therapien oder Nachhilfe. Zudem ist ein fundiertes Testgutachten immer hilfreich bei anstehenden Entscheidungen über den weiteren Bildungsweg, und es kann die Situation für die betreffenden jungen Menschen und ihre gesamte Familie spürbar erleichtern.

Falls du das Geld für die Begabungsdiagnostik nicht aufbringen kannst, findest du unter Umständen eine kostenfreie oder preiswertere Testmöglichkeit beim zuständigen Schulpsychologen oder indem du dich an eine Universität wendest, die Begabungsforschung betreibt. Bei ersterem bekommst du allerdings oft nichts Schriftliches in die Hand und stehst bei der nächsten Entscheidung oder nach einem Umzug in einen anderen Schulamtsbezirk wieder ohne etwas da.

Erst beraten lassen, dann testen!

Wenn du nicht weißt, ob du dein Kind testen lassen sollst und wenn ja bei wem, dann frage bei der nächstgelegenen Ortsgruppe der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) nach. Dort findest du erfahrene Eltern hochbegabter Kinder aus deiner Region.

Natürlich kann auch ich dich beraten und dir für viele Regionen im deutschsprachigen Raum kompetente Adressen nennen. Schreibe mich einfach an!

Das Erklärbär-Syndrom

Hast du ein hochbegabtes oder einfach nur pfiffiges und wissbegieriges Kind zu Hause? Dann kennst du das vielleicht auch. Dein Kind ist dir gefühlt ständig auf den Fersen, beobachtet, was du machst und hängt an deinen Lippen. Und das fängt schon im Babyalter an. Dieser forschende Blick fordert dich ständig auf, dem kleinen Entdecker Input zu geben.

Zum Glück kam das für mich als Mutter nicht gerade überraschend, denn ich war wohl selbst so ein Kind. Dadurch wusste ich auch sofort, was ich zu tun hatte, damit mich die ewige Fragerei nicht um meine Nerven brachte.

Mein Papa hatte nämlich eine Strategie entwickelt, die mir als kleinem Mädchen ausnehmend gut gefiel: Wo er auch hinging, egal ob er einem Kumpel auf dem Bau half, mit dem Motorroller einkaufen fuhr, den Garten umgrub, tapezierte oder ein Pferd beschlug – überall schleppte er mich mit hin. Unaufhörlich redete er ruhig vor sich hin und kommentierte, was er gerade machte. So wusste ich schon früh, wie man eine Sense schärft, konnte alle Pflanzen im Garten unterscheiden und meine Schuhe selber putzen. Mein Papa war mein wertvollster Lehrer, und ich bin dankbar, dass ich ihn immer noch habe.

So wusste ich gleich, wie ich meine kleine Svenka glücklich machen und dabei selbst entspannt bleiben konnte. Auch sie saugte das Wissen auf wie ein Schwamm. Bei uns verging kein Tag, ohne dass wir mehrere Bücher angeschaut bzw. vorgelesen haben. Aber noch wertvoller war das praktische Tun. Mit drei Jahren hat Svenka schon Kartoffeln für die Suppe kleingeschnitten und Plätzchen ausgestochen. In der Küche und im Garten hat sie ohne weiteres Zutun von mir sämtliche Grundschulmathematik gelernt.

Ich habe wie mein Papa immer ruhig vor mich hin geredet und kommentiert, was ich tue, manchmal auch erklärt, warum ich es so und nicht anders mache, sonst nichts.

Als Svenka 10 Jahre alt war, zogen wir zu ihrem Papa nach Berlin, und dort hatte sie endlich Freunde. Einmal war ein Mädchen zu Besuch, und wir kochten gemeinsam. Svenka holte kurz etwas, und ich redete mit dem fremden Kind genauso wie mit meinem eigenen. Da fragte das Mädchen: “Warum erklärst du mir das, bist du der Erklärbär?”

Erst da wurde mir wieder bewusst, dass Svenka und ich doch besondere Bedürfnisse hatten.

Stell dir vor, ich habe bis heute noch das Erklärbär-Syndrom, und ich erinnere mich, dass auch mein Papa es noch hatte, als ich längst erwachsen war. Svenka ist mittlerweile manchmal genervt von meinem Gelabere, aber Gewohnheiten können schon ziemlich hartnäckig sein.

Wie gehst du mit dem Wissensdurst deines Kindes um? Hast du genug Zeit und Muße, ihm den gewünschten Input zu geben? Wie beziehst du es in deinen Alltag ein? Falls das für dich herausfordernd ist, kontaktiere mich gern, und wir finden gemeinsam eine Lösung.

Hilfe, mein Kind zockt und hängt dauernd am Handy!

Fragst du dich manchmal, warum Handy, Tablet und Laptop bzw. das Internet so eine Faszination auf unsere Kinder ausüben? Für mich ist das völlig natürlich, denn das sind die wichtigsten Werkzeuge unserer Kultur! Kinder sehen uns täglich stundenlang damit hantieren und die verschiedensten Aufgaben erledigen. Der Umgang mit digitalen Medien und das Suchen und Auswerten von Informationen mit deren Hilfe sind heute Kulturtechniken, die gleichberechtigt neben dem Lesen, Schreiben und Rechnen stehen.

Kulturtechniken unterliegen einem Wandel

In der Schule jedoch kam zumindest vor Corona ein Großteil der jungen Menschen höchst selten mit einem Computer in Kontakt. Die miserable Ausstattung der Schulen mit Hardware und die mangelnden IT-Kenntnisse vieler Lehrkräfte, manchmal gepaart mit einer ablehnenden Haltung, haben das Schulsystem ab März 2020 vor nie gekannte Herausforderungen gestellt. Spätestens da dürfte allen Eltern klar geworden sein, dass sie die Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder nicht an die Schule abgeben können.

Insgesamt dürfen wir dankbar dafür sein, dass die Pandemie bei der Digitalisierung unserer Schulen so viel ins Rollen gebracht und so manchen verantwortlichen Erwachsenen gezwungen hat, seine Komfortzone zu verlassen. Dabei wurde viel Erstaunliches und Wertvolles geleistet!

Lernen, was relevant ist

Was heißt das nun konkret? Unsere Kinder möchten genau wie wir das lernen, was für sie von Bedeutung ist. Sie verstehen, dass das Internet ein universelles Medium ist, das es sich zu beherrschen lohnt. Auch heute nimmt das Erlernen dieser Fähigkeiten in den Lehrplänen in der Schule noch zu wenig Raum ein bzw. es ist schlecht strukturiert oder beginnt für viele Kinder zu spät. Also lernen sie den Umgang mit dem Netz eigenständig. Der indische Bildungsforscher Sugata Mitra hat bereits 1999 mit seinem “Hole-in-the-Wall”-Experiment nachgewiesen, dass junge Menschen dazu in der Lage sind. Berichte dazu findest du bei YouTube.

Eltern sind das wichtigste Vorbild

Natürlich wird sich dein Kind das meiste von dir abschauen, und du kannst es dabei prima unterstützen. Ich halte für wichtig, dass ihr über die Gefahren sprecht, die ja durchaus im Netz lauern: unangemessene Inhalte, Falschinformationen, Computerviren, Datenklau und Schlimmeres. Du kannst dein Kind nur davor schützen, wenn du mit ihm gemeinsam viel darüber lernst, und nicht, indem du es möglichst lange vom Internet fern hältst!

Sprecht unbedingt über das, was ihr online so macht. Interessiere dich dafür, was dein Kind spielt und welche Webseiten es besucht. Zeige ihm öfter etwas von dem, was du im Internet recherchierst oder schaut mal zusammen YouTube.

Auch was den Ausgleich zur anstrengenden Bildschirmarbeit betrifft, bist du das Vorbild. Wenn du selbst mit dem Handy ins Bett gehst und es auch bei Tisch nicht ohne aushalten kannst, dann wundere dich nicht, dass dein Kind es dir nachmacht. Und nein, deine Chatnachrichten und Mails sind NICHT wichtiger als die deines Kindes, auch wenn sie dienstlich bzw. geschäftlich sind! Von wem soll dein Kind hier lernen, gesunde Grenzen zu setzen, wenn nicht von dir?

Reale Erfahrungen für alle Sinne sind vorrangig

Digitale Medien dürfen niemals Ersatz für persönlichen Umgang und für Erfahrungen im echten Leben sein! Gerade kleine Kinder bilden ihre psychomotorischen Fähigkeiten noch aus. Das klappt nur, wenn sie sich viel bewegen und ihre Sinnesorgane schulen können. Bei Kindern sollten diese Aktivitäten auf jeden Fall im Vordergrund stehen, und auch da ist dein Vorbild maßgebend! Wann warst du zuletzt mit deinem Kind wandern, Rad fahren, im Zoo oder im Schwimmbad? Für einen Spaziergang, einen Spielplatzbesuch, ein spontanes Picknick oder Ballspiel sollte mehrmals in der Woche Zeit sein. Dann ist es auch kein Problem, wenn dein Kind frühzeitig mit Handy oder Tablet umgeht.

Auch Schulkinder brauchen Bewegung als Ausgleich für die sitzende Tätigkeit und die viele Nah-Arbeit in der Schule. Frische Luft und ein freier Blick in die Ferne tragen zu einem gesunden Schlaf und besserer Konzentration bei. Solange dein Kind genug davon bekommt, kannst du in Bezug auf Handy und PC unbesorgt sein. Sollte das nicht so sein, wirst du mit Medienverbot die Situation nur verschlimmern. Geh lieber ins Gespräch mit deinem Kind und sucht nach Möglichkeiten, wie ihr Sport und Outdoor-Aktivitäten wieder attraktiv machen könnt. Schließt euch am besten mit befreundeten Familien zusammen.

Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind spiel- oder internetsüchtig ist, dann überlege zuerst, welches unerfüllte Bedürfnis dahinter steckt. Lasse dich am besten rechtzeitig beraten. Oft haben außenstehende Fachleute einen klareren Blick auf die Situation und können frustrierte oder in sich gefangene junge Menschen besser erreichen als die eigenen Eltern. Nur mit Sanktionen erreichst du lediglich eine Verschlechterung eurer Beziehung und schaffst für dein Kind ein weiteres unerfülltes Bedürfnis, dem es potenziell mit einer Sucht begegnen könnte. Je früher du reagierst, desto besser. Aber so weit muss es nicht kommen, wenn Kinder behutsam an die digitalen Medien herangeführt werden.

Medienverhalten verantwortungsvoll begleiten ohne Verbote

Svenka stellte mir schon mit 2 Jahren Fragen, die ich ihr ohne das Internet nicht beantworten konnte (z.B. “Wie spricht ein Dachs?”). Ich nahm sie auf den Schoß und durchstöberte mit ihr das Tierstimmenarchiv. Mit etwa 4 Jahren bekam sie eine Laptop-Maus für ihre kleine Hand. Damit durfte sie, während ich am Nebentisch arbeitete, Puzzlespiele spielen und sich durch die Website der Sendung mit der Maus klicken. Tablets und Smartphones hatten wir damals noch nicht, und Fernsehen gab es nur bei Ompa. Als Svenka ein Jahr später schon etwas lesen konnte, habe ich ihr einige Websites für Kinder in die Lesezeichenleiste gelegt und ihr MS Paint zum Malen gezeigt.

In der 1. Klasse hat sie den Internetführerschein abgelegt. Die Seite hatte sie selbst über ein Kinderportal gefunden. Sie konnte da auch schon selbstständig Fragen zu ihren gelesenen Büchern in Antolin beantworten. In der 2. Klasse hat sie am Mathe-MOOC für Erwachsene bei iversity teilgenommen. Seit der 3. Klasse ist sie in den sozialen Netzwerken unterwegs und hat ein Tablet. Das Handy gab es erst mit knapp 13 Jahren.

Computerspiel als Ersatz für fehlende Freiräume und wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung

Junge Menschen haben ein sicheres Gespür dafür, wie sie ihre ureigenen Bedürfnisse nach persönlichem Wachstum, Selbstwirksamkeit, Wertschätzung und Zugehörigkeit zu einer für sie sicheren und inspirierenden Gemeinschaft befriedigen können.

Zocken, am Handy daddeln oder stundenlanges Scrollen in den Sozialen Netzwerken ist bei ihnen auch Ausdruck ihres ganz normalen Autonomiestrebens. Unser Nachwuchs verbringt viel mehr strukturierte Zeit unter Aufsicht von Erwachsenen als wir in unserer Kindheit. Viele haben kaum noch Freiräume, wo sie frei spielen, sich entspannen, Dinge ausprobieren, Risiken eingehen, selbstbestimmt lernen und miteinander interagieren dürfen.

Computerspiele sind meistens sehr klug nach den Erkenntnissen der Hirnforschung aufgebaut. Für erlernte Fähigkeiten wird der Spieler unmittelbar belohnt, indem er das nächste Level erreicht. Das Spiel passt sich immer perfekt an das jeweilige Fähigkeitsniveau an und bietet Aufgaben, die knapp darüber liegen und somit Erfolgserlebnisse ermöglichen. So werden im Prozess des Spielens angenehme Emotionen angesprochen, die das Lernen und Dranbleiben erleichtern. Die gesamte unterhaltsame Aufmachung verstärkt diesen Effekt.

Zum Glück gibt es inzwischen auch Lern-Apps wie König der Mathematik oder Duolingo, die nach diesen Prinzipien funktionieren. Spielen ist die effektivste Art des Lernens überhaupt. Auch Wissenschaftler, Erfinder und Künstler tun im Grunde genommen nichts anderes. Deshalb hat in der Erwachsenenbildung der Trend Gamification schon lange Einzug gehalten, während vor allem das staatliche Schulsystem in diesem Bereich noch viel Nachholbedarf hat. Wenn du es nicht glaubst, blättere einmal einige Lehrbücher für das Gymnasium durch und vergleiche sie mit solchen für Erwachsene!

Nur durch Vertrauen kann Selbstregulation erlernt werden!

Mit 11 Jahren wechselte meine Tochter an eine demokratische Schule, wo es wesentlich mehr Freiheiten gibt als im staatlichen Schulsystem. Da wurde dann zunächst jedes noch so primitive Spiel ihrer Freunde ausprobiert. Für einige Wochen schien das Töchtis Lebensinhalt zu sein. Dann wurde es plötzlich wieder uninteressant bis auf gelegentliches Minecraft-Spielen oder selten mal eine Runde Overwatch mit ein paar Kumpels. “Zocken” war nie ein Reizthema. Wir haben auch nie die Zeit beschränkt, außer wenn dringende Aufgaben wie Sachen packen oder Müll rausbringen anstanden.

Dass Bildschirm gucken anstrengend ist, vor allem dann, wenn man deshalb zu wenig schläft, hat Töchti aus Erfahrung lernen dürfen. Sie spürte irgendwann selbst, wann es Zeit war, die Inliner an die Füße zu ziehen und nach draußen zu gehen.

Was Svenka mit Hilfe von Tablet und Stift inzwischen zaubert, kannst du regelmäßig in den sozialen Netzwerken, hier auf der Website, im Newsletter und unseren Printmedien bewundern. Hätte ich die Zeit begrenzt, die sie am Tablet sein darf, hätte sie vielleicht nie ihr Talent für und ihr Interesse an digitaler Kunst entdeckt.

Wir waren immer über alles im Gespräch, und es gab nie auch nur den Anschein eines Pro­blems. Natürlich ist unser Beispiel nicht auf jedes Kind übertragbar, aber die grundsätzliche Herangehensweise ist es schon!

Auf unserer Facebookseite und auf dem Instagram-Profil sowie in unserem Newsletter bekommst du von uns regelmäßig Tipps für kindgerechte und unterhaltsame Websites, Apps, Computerspiele und Podcasts. Stöbere am besten gleich mal danach!

Wenn das Medienverhalten deines Kindes für dich nicht akzeptabel ist, melde dich gern bei mir und lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen!

Stress durch Überforderung

Überforderung

Überforderung, Überlastung. Ein Gefühl, das momentan wohl in fast jeder Familie und an fast jedem Arbeitsplatz zu Hause ist. Viele von uns sind so überfordert, dass ihr Gehirn in den Alarm-Modus umschaltet, so dass höhere Denkfunktionen nicht mehr wie gewohnt und wie nötig funktionieren. Das betrifft auch unsere Kinder, sogar schon die Allerjüngsten.

Übernimm Verantwortung

In der Regel wird die Überforderung von uns Erwachsenen auf unsere Kinder übertragen, und somit sind wir in der Verantwortung, den Teufelskreis zu durchbrechen. Anfangen kann nur jeder bei sich selbst.

Ich lade dich ein, einmal zu beobachten, wie sich Überforderung bei dir und bei deinem Kind äußert. Höre intensiv in deinen Körper hinein und achte auch auf deine Kommunikation. Was teilt dir dein Kind über sein Verhalten mit? Mache dir dazu am besten Notizen.

Woran merkst du die Überforderung?

Wenn uns alles zu viel wird, zeigt sich das bei Erwachsenen, bei Kindern und bei Jugendlichen auf sehr ähnliche Weise.

Ich persönlich verspüre zunächst eine Nervosität. Plötzlich kann ich nicht mehr still sitzen, dauernd stört mich etwas an meiner Kleidung, oder das leiseste Geräusch geht mir tierisch auf die Nerven. Es fällt mir immer schwerer, mich auf meine Tätigkeit zu konzentrieren, weil meine Gedanken schon bei den nächsten Punkten auf meiner ToDo-Liste sind. Ich bin dann unzufrieden mit mir und verliere nicht nur den Überblick, sondern auch den Antrieb. Nach einem solchen Tag schlafe ich meistens auch noch schlecht. Wenn mich in dieser Verfassung noch jemand aus der Familie um etwas bittet, reagiere ich gereizt, und es schaukeln sich unnötige Konflikte hoch. Geht es dir ähnlich?

Leider ist es so, dass unsere Kinder ganz feine Antennen dafür haben, wie es uns gefühlsmäßig geht. Vor allem die ganz Kleinen wissen instinktiv, dass ihnen Gefahr droht, wenn wir als Eltern ihnen nicht den emotionalen Rückhalt bieten können, den sie brauchen. Sie reagieren dann ihrerseits gereizt. Wie oft hat gerade dann schon das Verhalten deines Kindes bei dir das Fass zum Überlaufen gebracht? Ich muss zugeben, dass mir das auch häufig passiert ist.

Wenn wir lernen, die ersten Anzeichen von Überforderung besser wahrzunehmen und früher gegenzusteuern, können wir solche unnötigen Stresssituationen vermeiden, die ja letztendlich die Überforderung nur noch verschlimmern.

Selbstbeobachtung ist der Anfang

Nimm dir bitte Zeit, dich, dein Kind und deinen Partner zu beobachten und auf Zeichen von Überforderung zu achten. Schreibe deine Wahrnehmung in dein Tagebuch und sprich mit deiner Familie darüber!

Wenn jedes Familienmitglied eher spüren kann, wann es selbst oder wann die anderen überfordert sind, baut das viel Spannung im Alltag ab.

Meine Top 7 Tipps bei Überforderung

Wenn du die Überforderung bei dir selbst, deinem Kind oder deinem Partner rechtzeitig bemerkst, kannst du erfolgreich gegensteuern.

Wie machst du das? Ich empfehle immer wieder diese 7 Punkte:

1. Prioritäten setzen
2. Ängste hinterfragen und abbauen
3. Unnötige Reize vermeiden
4. Selbstfürsorge
5. Grenzen setzen
6. Um Hilfe bitten
7. Entspannung und Stressprävention

Tipp Nr.1: Prioritäten setzen

Mich auf das Wesentliche zu beschränken, verschafft mir bei Überforderung immer die meiste Erleichterung. Dabei wende ich zwei Strategien an.

Zunächst einmal habe ich große Klarheit darüber, was meine Werte im Leben sind, und kann dir nur empfehlen, dich damit ausführlich zu beschäftigen, falls du es noch nicht gemacht hast. Dabei unterstütze ich dich gern, wenn du magst.

Bei allem, was ich tue, frage ich mich nun, ob es in Einklang mit meinen wichtigsten Werten ist. Falls nicht, entlasse ich diese Verpflichtung aus meinem Leben oder ich nehme zumindest den Fokus davon weg und damit die Energie heraus.

Dann wende ich noch in leicht abgewandelter Form das Eisenhower-Prinzip an: alles Wichtige und Dringende erledige ich sofort. Alles, was wichtig ist und mich maximal 10 Minuten kostet, mache ich ebenfalls sofort. Die wichtigen Aufgaben, die nicht dringend sind und länger brauchen, trage ich in meinen Terminkalender ein.

Was dringend ist, aber für meine Ziele nicht unbedingt wichtig, versuche ich an andere Menschen abzugeben, die daran ein größeres Interesse haben als ich oder es einfach besser oder schneller können. Natürlich bekommen diese Menschen meine Wertschätzung dafür.

Alle Aufgaben, die dann noch übrig bleiben, also weder wichtig noch dringend sind, schiebe ich beiseite.

Beispiel: Ich muss einen Artikel fertig schreiben, weil ich mit dem Kunden langfristig zusammenarbeiten möchte. Ich sitze am Rechner, mir fällt nichts ein, und ich habe Hunger wie ein Wolf. Da klingelt der Postbote und bringt ein Buch, auf das ich schon gewartet hatte, und einen Stapel Rechnungen. In dem Moment ruft mich eine Person an, die mir eh nur Tratsch erzählen möchte. Dabei habe ich in einer Stunde einen Zoom-Termin. Ich bin kurz vor dem Überkochen!

Was tue ich? Ich gehe nicht ans Telefon, bitte Svenka, Mittag zu kochen und das Buch auszupacken, trage mir die Rechnungen für den nächsten Tag in den Terminplaner ein und lege sie an den dafür vorgesehenen Platz. Ich hole meine Vorbereitungen für den Zoom-Termin heraus und nutze die Zeit bis zum Mittag noch, um die Gliederung für meinen Artikel aufzuschreiben.

Wie gelingt dir das Prioritäten setzen?

Tipp Nr. 2: Ängste hinterfragen und abbauen

Ängste sind normale Gefühle und gehören zum Leben dazu. Aber sie setzen sich oft unbemerkt in uns fest und verselbstständigen sich. Sie ergreifen Besitz von uns und übernehmen die Regie nicht nur über unser Denken und Fühlen, sondern auch über wichtige Körperfunktionen. Das kostet uns eine Menge Energie.

Deshalb ist es heilsam, uns immer wieder Zeit für eine Inventur unserer Gefühlswelt zu nehmen. Welche Ängste sind vorhanden?

Am besten, du schreibst dir eine Liste deiner Ängste und stellst dir für jede einzelne folgende Fragen:

  • Wo hat diese Angst ihren Ursprung?
  • Wessen Angst ist es? Ist es wirklich meine?
  • Was steckt dahinter?
  • Ist sie berechtigt?
  • Wovor möchte mich die Angst schützen?
  • Wo behindert mich diese Angst?
  • Wie wirkt sich diese Angst auf mein Kind oder meinen Partner aus?
  • Wie kann ich mich ihr stellen?
  • Was gewinne ich, wenn ich diese Angst in den Griff bekomme?

Bei dieser Arbeit kann ich dich als Coach sehr wirksam unterstützen, so dass du in wenigen Stunden zu einem ganz neuen Mindset kommen kannst.

Ängste treten natürlich auch bei unseren Kindern auf. Wie können wir als Eltern damit umgehen? Besonders häufig bekomme ich derzeit Anfragen wegen Schulangst. Ich habe ein Video mit einer Einführung in das Thema aufgenommen, das du auf unserer Facebookseite findest.

Tipp Nr. 3: Abstellen unnötiger Reize

Zur Veranschaulichung schildere ich dir eine Situation, die mir neulich passiert ist. Ich hatte mich sehr auf einen Online-Vortrag zum Thema Hypnose gefreut. Ich wachte jedoch schon gestresst auf, weil ich wusste, dass mich danach die Arbeit an einem Projekt erwartet, bei dem ich gerade nicht gut voran komme und mich nicht gut dabei fühle. Mein Kopf fühlte sich schon an, als ob er einen Bienenstock beherbergte.

Beim Frühstück hörte ich wie immer das morgendliche Instagram-Live einer befreundeten Kollegin, in der Hoffnung, dass ich dadurch wieder in mein Gleichgewicht komme. Ausgerechnet an dem Tag war die Kollegin draußen unterwegs, wo viele Störgeräusche auftraten. Ich als Schwerhörige konnte durch dieses Hintergrundrauschen ihrem Vortrag nicht folgen. Trotzdem blieb ich dabei, um ja nichts zu verpassen.

Eine halbe Stunde später hatte auch die Referentin des Vortrages Probleme mit dem Mikrofon, und in mein Ohr drang ein Frequenzgemisch wie bei einem Radio ohne Antenne. Nach 15 Minuten war die Anspannung in meinem Körper so groß, dass ich abbrechen musste. Mein Befinden war im Keller, ich war für Stunden unfähig, meine Arbeit zu erledigen und brauchte erst einmal völlige Stille. Der Tag wurde erst durch eine entspannte abendliche Teambesprechung wieder gerettet.

Was ich dir damit sagen will? Dass es sich lohnt, auch die Überforderung der Sinne rechtzeitig wahrzunehmen und dann gut zu sich zu sein und seine Bedürfnisse zu erfüllen, bevor sie sich mit schlechtem Befinden in unser Bewusstsein drängen. Ich nehme mir jedenfalls vor, meine Angst, etwas zu verpassen, endlich abzulegen und das Handy jeden Tag ein paar Stunden wegzulegen.

  • Niemand ist so wichtig, dass er ständig für alle und jeden erreichbar sein muss. Deshalb benutze ich auf Spaziergängen mein Telefon meistens nur als Fotoapparat und schalte es in den Flugmodus. Ich telefoniere auch nicht im Auto, sondern höre einen Podcast, meine Lieblingsmusik oder genieße einfach die Zeit hinterm Lenkrad mit mir allein.
  • Die Hintergrundberieselung durch Musik oder gar Fernsehen habe ich bei mir als große Quelle von Überforderung ausgemacht. Besonders bei Mahlzeiten oder Gesprächen mit Familie und Freunden kann sie bei mir auch zu solcher Anspannung führen wie ich sie gestern erlebt habe.
  • Bei dir sind es vielleicht andere Sinnesreize, die zu “Speicherüberlauf” führen und dich aus dem Gleichgewicht bringen, aber es ist immer dieses Multitasking, wo wir unbemerkt zwischen verschiedenen Reizquellen hin und her switchen. Deshalb konzentriere dich bewusst auf das Wichtige in deinem Leben und sei mit deiner ganzen Aufmerksamkeit dabei. Nebenbei bekommst du deine Aufgaben schneller erledigt.
  • Du darfst wissen, dass es deinem Kind nicht anders geht. An seinem Arbeitstag in Schule oder Kita strömen viele Reize auf es ein, auf die es leider kaum Einfluss nehmen kann. Es ist kein Wunder, wenn sich abends einiges an Spannung entlädt.
  • Diese Spannung baust du am besten mit sanfter Bewegung ab, z.B. bei einem Spaziergang oder einer kurzen Radtour, bei einem Entspannungsbad oder einer Meditation. Nimm dir gerade in diesen anstrengenden Tagen immer wieder Zeit dafür, probiere aus, was für dich funktioniert und lebe das auch deinem Kind vor.

Tipp Nr. 4: Selbstfürsorge

Ich habe mir für 2022 einen speziellen Terminplaner gekauft (diesmal auf Slowenisch), wo auch Tipps gegeben werden, wie du jeden Tag etwas für dein Wohlbefinden tun kannst. Auf jeder Seite ist Platz, wo man diese Zeiten einplanen und sein Befinden einschätzen kann. Du kannst jeden etwas größeren Planer dafür verwenden.

Mache dir zunächst eine Liste von mindestens 20, besser noch mehr Tätigkeiten, bei denen du völlig entspannen und deine Akkus füllen kannst. Bei mir stehen zum Beispiel Walken, Rad fahren, Vögel beobachten, in Ruhe duschen, Lesen und Häkeln darauf. Bitte nimm das auf, was du allein für dich tust und was dich wirklich entspannt, auch wenn du beim Bügeln regelmäßig einen meditativen Zustand erreichen solltest. Plane nun jeden Tag wenigstens 30 Minuten für diese Dinge ein und lass dich dabei auf keinen Fall stören.

Mache deiner Familie klar, dass dir diese Zeit zusteht. Besonders wenn du noch kleine Kinder hast oder alte Menschen pflegst, wird es wahrscheinlich nicht sofort und immer gelingen. Gib trotzdem nicht auf und versuche es jeden Tag neu. Deine Familienmitglieder werden lernen, dass auch du Bedürfnisse hast, und dass du besser für sie sorgen kannst, wenn du selbst entspannt und in deiner Kraft bist.

Tipp Nr. 5: Grenzen setzen

Niemand ist verpflichtet, sich über sein individuelles Vermögen hinaus zu verausgaben. Vielleicht hast du in der Kindheit erlebt, dass du für Fleiß und Ausdauer gelobt und belohnt wurdest. Deshalb ist es kein Wunder, dass du deinen Wert als Person umso stärker empfindest, je mehr du arbeitest, je mehr du schaffst.

Ich wurde als Kind regelmäßig als faul bezeichnet, und das hat mir einen starken inneren Antreiber beschert. Im Beruf führte das dazu, dass ich immer wieder Aufgaben an mich riss, die eigentlich anderen zugeteilt waren. Irgendwann war ich dann für alles zuständig, das niemand anderes erledigen wollte. Letztlich wurde ich dadurch krank und brauchte erst einmal ein knappes Jahr Pause.

Lass es nicht so weit kommen, schätze deine Leistungsfähigkeit real ein und sage klar, wann es dir zu viel ist!
Mach dir bitte bewusst, dass Fleiß an sich keine Tugend ist, und dass dein Wert als Person nicht davon abhängig ist. Du bist wertvoll, weil du da bist. PUNKT.

Sicher hast du ein Anliegen in deinem Leben, das du gut ausfüllen möchtest, aber das kannst du nur, wenn du dich frei hältst von Verpflichtungen, die damit nicht im Einklang stehen. Traue dich, deine Werte zu leben und auch einmal nein zu sagen. Wenn jemand dich um Hilfe bittet, musst du nicht immer sofort aufspringen, sondern es ist dein Recht, eine Zeit vorzuschlagen, die für dich passt.

Deine tägliche Zeit für Selbstfürsorge ist genauso wichtig wie deine Arbeit und der Haushalt! Lass nicht zu, dass jemand anderes in der Zeit über dich verfügen kann! Wie wie kann es dir gelingen, deine Grenzen zu erkennen, zu akzeptieren und zu wahren?

Tipp Nr. 6: Um Hilfe bitten

Gehörst du auch zu den Menschen, die ständig um Rat gefragt werden, die immer für alle und jeden da sind, die einspringen, wenn jemand in Not ist? Wie geht es dir aber, wenn du selbst einmal eine schwere Zeit oder einfach zu viel Arbeit hast? Findest du dann die Unterstützung, die du brauchst?

Wieder muss ich zugeben, dass ich hier selbst noch eine Baustelle habe. Warum bin ich immer darauf bedacht, alles allein zu wuppen? Warum fällt es mir so schwer, andere um Hilfe zu bitten? Ist es das Eingeständnis meiner Unfähigkeit, ist es das Bestreben, bloß niemandem zur Last zu fallen, “bloß keine Umstände” zu machen? Welche Verhaltensmuster, die ich in der Kindheit von meinen Bezugspersonen übernommen habe, darf ich ablegen bzw. heilen?

Hier darf ich dazu lernen und vor allem mein Wissen verinnerlichen und umsetzen! Wenn ich von mir ausgehe, weiß ich doch, welche Freude es mir ist, jemandem helfen zu können. Wie kann ich also annehmen, dass es für andere Menschen eher eine Belastung ist? Oder habe ich Angst, dass sie mir die Hilfe versagen? In der Tat habe ich damit einige Erfahrungen. Aber ich darf mir bewusst machen, dass ein Nein zu meiner Bitte in erster Linie ein Ja der betreffenden Person zu sich selbst ist. Es hat nicht zwingend mit mir oder gar der Ablehnung meiner Person zu tun.

Wenn ich Hilfe brauche, dann frage ich jemanden. Wenn die Person nein sagt, nehme ich es nicht persönlich. Das verspreche ich mir. Und du?

Tipp Nr.7: Entspannung und Stressprävention

Nicht immer hast du die volle Kontrolle über dein Leben. Immer wieder gibt es herausfordernde Zeiten, die deinen Stresspegel ansteigen lassen.

Hier ist es hilfreich, wenn du dir präventiv Entspannungs- und Stresspräventionstechniken aneignest. Das können Atemtechniken sein, Meditation oder geführte Fantasiereisen, das Autogene Training oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

Auch dein Kind kann sich schon einen Notfallkoffer für stressige Situationen packen. Ganzheitliche Kinder- und Jugendcoaches wie ich oder EntspannungstrainerInnen helfen ihm dabei. Bei mir kannst du auch ein maßgeschneidertes Stresspräventionstraining für deine ganze Familie buchen, wo wir uns eure konkreten Bedürfnisse und Herausforderungen anschauen. Dieses ist in der Regel auch Bestandteil meines Coachings bei Schulkonflikten oder bei Hochsensibilität.

Darf ich dich bei der Umsetzung unterstützen?

Das waren meine Tipps zum Thema Überforderung. Vielleicht konnte ich dir und deiner Familie ein wenig damit helfen. Wenn du dir persönliche Unterstützung und Begleitung wünschst, schreib mir gern eine Nachricht!

Herzlichst
Deine Karin

Unterforderung bei hochbegabten Schulanfängern

Viele als hochbegabt erkannte oder einfach clevere Kinder werden vorzeitig eingeschult, aber längst nicht alle. Ein Schulbeginn bereits mit 5 Jahren birgt auch keine Garantie, dass es nicht zu einer Unterforderung kommt. Nachdem intelligente Kinder schneller und selbstständiger lernen als Gleichaltrige, wird der Punkt in jedem Fall während der Grundschulzeit erreicht, oftmals schon in den ersten Schultagen oder -wochen. Sehr oft wird man erst dadurch überhaupt auf eine mögliche Hochbegabung des Kindes aufmerksam.

Alle Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können!

Kinder brauchen um sich gesund entwickeln zu können Selbstwirksamkeitserfahrungen. Das heißt sie müssen einen Zusammenhang zwischen ihrem Bemühen und ihren Lernfortschritten bzw. ihrem Erfolg wahrnehmen können. Dafür brauchen sie Aufgaben, die geringfügig über ihrem Fähigkeitsniveau liegen. Schüler, die bereits mehr wissen und können als ihre Klassenkameraden, bekommen oft keine solchen Aufgaben und können daher nur schwer eine Leistungsmotivation entwickeln.

Deshalb ist die mangelnde Förderung hochbegabter Kinder an unseren Schulen, vor allem den Grundschulen, alles andere als ein Luxusproblem! Dauerhafte Unterforderung kann nicht nur Minderleistung (Underachievment) zur Folge haben, sondern auch zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen. Darüber schreibe ich ein andermal ausführlich.

Enttäuschung schon in den ersten Schulwochen

Heute soll es einmal um die typischen ersten Anzeichen der Unterforderung im ersten Schuljahr gehen und darum, was man dagegen tun kann. Diese Chatnachricht meiner Klientin Elvira (Name geändert) vom September 2021 ist eine von vielen, die mich zum Thema Unterforderung in der Grundschule erreichte:

“Mein Sohn Julian wurde vor zwei Wochen eingeschult. Er hat sich sehr darauf gefreut, aber schon am dritten Tag beklagte er sich, dass ihn der Babykram dort nicht interessiert. Schon die erste Hausaufgabe geriet zu einem Machtkampf. Was kann ich tun?”

Meine Antwort möchte ich an dieser Stelle natürlich ebenfalls mit dir teilen: ” Liebe Elvira, falls du schon länger beobachtest, dass dein Sohn sehr schnell lernt, sich für altersuntypische Themen interessiert und geistig auf vielen Gebieten weiter entwickelt ist als gleichaltrige Kinder, dann beschäftige dich einmal mit dem Thema Hochbegabung. Dazu schicke ich dir gern Infomaterial, Link- und Buchtipps und berate und begleite dich und dein Kind individuell.

Davon unabhängig kannst du sofort einiges tun, um die akute Unlust abzumildern. Zunächst einmal: In jedem Schulgesetz steht, dass Kinder entsprechend ihrer Begabung gefördert werden müssen. Das heißt, Lehrkräfte sind verpflichtet, zu differenzieren. Leider sind wir durch Defizite in der Lehrerausbildung, den verbreiteten Lehrermangel, Corona und andere Widrigkeiten weit von diesem Anspruch entfernt.

Dauerhafte Unterforderung ist nicht hinnehmbar!

Dauerhafte Unterforderung kann die Lernfreude und Motivation deines Kindes zerstören und im Extremfall sogar psychische Erkrankungen und psychosomatische Beschwerden zur Folge haben! Betroffene Kinder fallen häufig in der Klasse auf und werden am Ende ausgegrenzt und gemobbt. Du solltest deshalb für dein Kind angemessene Aufgaben einfordern, allerdings auch deinen Teil dazu beitragen.

Wenige Tage oder Wochen nach der Einschulung kannst du noch nicht erwarten, dass die Lehrkraft sich ein genaues Bild vom Leistungsstand, den Interessen und der Motivation eines jeden Kindes gemacht hat. Deshalb biete deine Unterstützung an.

Förderung im Familienalltag

Nimm deine Verantwortung für die Bildung deines Kindes wahr und schaffe zu Hause ein anregendes Lernumfeld. Beobachte, wofür Julian sich interessiert, greife seine Impulse auf und beantworte seine Fragen. Stelle ihm möglichst jeden Tag praktische Aufgaben, an denen er wachsen kann und zeige, dass du sein Bemühen wertschätzt.

Sucht Berührungspunkte zu dem, was Julian in der Schule lernen soll. Dabei entstehen ganz sicher Arbeitsproben, die er mit zur Schule nehmen und der Lehrerin zeigen kann. Du kannst einen Zettel dazulegen, wo du kurz beschreibst, wie die Arbeit entstanden ist. So erhält die Lehrerin mehr Einblick in das, was Julian schon kann, und wie sie ihn begeistern kann. Er kann auch seine Lieblingsbücher, Bastelarbeiten und andere Dinge in der Schule zeigen. Damit motivierst du gleichzeitig deinen Sohn und lenkst die Aufmerksamkeit der Lehrkraft auf seine Stärken.

Meine Tochter hat sich zum Beispiel allerlei Flugapparate ausgedacht, sie gezeichnet und beschrieben. Dann hat sie Protokoll über das Geschehen am Vogelhaus geführt und Steckbriefe von über 30 Vogelarten gezeichnet und geschrieben. Sie hatte eine wunderbare Klassenlehrerin, die solche Arbeiten von Kindern immer gewürdigt und im Klassenraum ausgestellt hat.

Differenzierung im Unterricht ist ein Muss!

Wenn eure Lehrerin erfahren ist im Umgang mit klugen Kindern, wird sie ähnlich reagieren, für diese Unterstützung deinerseits dankbar sein und Julian angemessene Aufgaben geben. Er könnte z.B. Sudoku spielen statt Zahlen in Reihen zu schreiben oder ein Geschichtenheft anlegen statt Wörter abzuschreiben. Oder er darf einmal vor der Klasse seine Lieblingsgeschichte vorlesen. Oder er bekommt schon Arbeitsblätter der 2. Klasse. Es gibt da sehr viele Möglichkeiten.

Meine Tochter betraf dieses Problem auch. Sie hatte das oben erwähnte Geschichtenheft. In Mathe durfte sie gleich in Klasse 2 einsteigen, brauchte aber nicht alle Aufgaben zu schaffen. Zusätzlich gab es Knobelaufgaben. In Sachkunde hat sie sogar mit Vorträgen ganze Unterrichtsstunden gestaltet! Dazu habe ich ihr Fotos zum Präsentieren, Anschauungs- und Bastelmaterial für alle mitgegeben.

Wenn dein Kind jenseits der Norm liegt, bist du immer als MaPa besonders gefragt, die Lehrkräfte zu unterstützen! Natürlich solltest du auch mit deinem Kind über seine besonderen Lernbedürfnisse sprechen, ihm erklären, dass diese völlig in Ordnung, aber nicht immer überall und sofort erfüllbar sind. Besonders begabte Kinder müssen auch lernen, mit Gleichaltrigen, die nicht so fix sind, respektvoll umzugehen. Dafür sollten wir als Eltern sie sensibilisieren.

Hausaufgaben sollten individuell gestellt werden!

Was die Hausaufgaben betrifft, empfehle ich dir, im Gespräch mit Julian die Aufgaben etwas abzuwandeln, so dass sie für ihn interessanter werden. Vielleicht könnt ihr sie schwieriger machen, als Spiel oder Wettbewerb gestalten oder mit seinen Hobbys verknüpfen. Meine Tochter sollte einmal dreistellige Zahlen aus einem Text in eine Tabelle abschreiben und hat das verweigert. Da kam sie selbst darauf, alle ihre Modellautos zu vermessen, zu wiegen und ihnen einen “Ausweis” zu verpassen.

Nicht alle Lehrkräfte tolerieren so viel Eigensinn, und manchmal sind die Hausaufgaben auch Grundlage zum Weiterarbeiten am nächsten Tag. Wenn du nicht sicher bist und die Möglichkeit hast, schreib die Lehrerin kurz über WhatsApp o.ä. an.

Lass auf keinen Fall zu, dass die Hausaufgaben eure Beziehung oder gar das ganze Familienleben belasten! Wesentlich mehr als 30 Minuten sollten sie in den ersten beiden Schuljahren auf keinen Fall beanspruchen! Wenn diese Zeit verstrichen ist und die Aufgaben nicht fertig sind, schreibst du einen Hinweis für die Lehrerin darunter.

Im Gespräch mit der Schule bleiben

Solltest du trotz aller Bemühungen nach 3-4 Wochen keine Veränderung bemerken, ist es Zeit, das Gespräch mit der Lehrkraft zu suchen. Mach dir im Vorfeld Notizen, damit du in der Aufregung nichts vergisst anzusprechen. Nimm am besten noch eine weitere Bezugsperson deines Kindes mit zum Gespräch. Ansonsten stehe ich dir für die Vorbereitung gern zur Verfügung und begleite dich auch zur Schule, wenn du das wünschst, bzw. ich kann mich über Zoom dazuschalten.

Falls sich danach nichts ändert, wende dich an die Schulleitung und notfalls als nächste Instanz an das Schulamt. Falls Julian in der Mehrzahl der Fächer unterfordert ist, könnte eventuell ein Sprung in Klasse 2 in Frage kommen. Es gibt auch die Möglichkeit, in einzelnen Fächern in eine höhere Klasse zu gehen (Drehtürmodell).

Berufe dich immer auf das Schulgesetz deines Bundeslandes und verweise auf deine bisherigen Bemühungen. Dazu solltest du dir am besten immer gleich alles notieren, was du tust, um Julian zu unterstützen, und wie die Reaktion darauf war. Lege dir dafür am besten ein Notizbuch an, in das du auch alle besonderen Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Schule und deine Notizen zu Elterngesprächen schreibst.

Coaching und Beratung führen schneller zu einer Lösung!

So, liebe Elvira, ich denke, ich habe dir einige Anregungen gegeben. Du kannst dich gern zu einem persönlichen Gespräch bei mir melden, wenn du mehr Unterstützung und z.B. Materialempfehlungen möchtest, die speziell auf Julian zugeschnitten sind. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und Julian viel Spaß in der Schule und beim Lernen!”

Findest du dich mit deinem Kind in einer ähnlichen Situation wieder und hast weitere Fragen? Gern berate und begleite ich euch persönlich, auch im Dialog mit der Schule. Das Kennenlerngespräch ist kostenlos, also schreib mir gleich eine Mail oder kontaktiere mich über WhatsApp, Facebook oder Instagram. In dringenden Fällen kannst du mich auch anrufen.