Hochbegabte Kinder, Exekutivfunktionen und ADHS

Als Eltern hochbegabter Kinder mit Passungsproblemen in Schule oder Kindergarten hören wir öfter Klagen von PädagogInnen über unsere Sprösslinge. Mitunter werden sogar ADHS-Diagnosen in den Raum gestellt, eine „Abklärung“ oder im Extremfall sogar gleich eine Medikamentengabe verlangt.

Auch zu Hause haben wir so manche Herausforderung, bei der die üblichen Erziehungstipps einfach nicht fruchten. Wie oft glauben wir, dass wir als Eltern einfach Versager sind? Wir fühlen uns nicht verstanden und finden einfach keine Unterstützung.

Wenn dir das bekannt vorkommt, dann lies bitte weiter.

Sind hochbegabte Kinder Chaoten?

Warum fällt es machen Kindern trotz hoher Intelligenz schwer,

  • ihre Hausaufgaben zu notieren?
  • ihre Sachen unter Kontrolle zu haben?
  • Handlungsabläufe zu planen und umzusetzen?
  • mehrteilige Anweisungen und Arbeitsschritte zu befolgen?
  • ihr Zimmer aufzuräumen?
  • im Unterricht still zu sitzen?
  • bestimmte Bedürfnisse aufzuschieben, bis eine notwendige Arbeit fertiggestellt ist?
  • mit Enttäuschungen, Planänderungen oder neuen sozialen Situationen umzugehen?

Der Grund dafür ist, dass es viele hochbegabte Kindern schwerer haben, Exekutivfunktionen zu entwickeln. Dabei geht es um kognitive Fertigkeiten, die dem Kind ermöglichen, die oben genannten Erwartungen zu erfüllen und ihr Verhalten selbst zu regulieren.

„Exekutiv“ heißt „ausführend“, das heißt diese Funktionen werden benötigt, um bestimmte Aufgaben erfolgreich erledigen zu können. Sind die Exekutivfunktionen unzureichend entwickelt, kann das Kind sich bemühen wie es will, aber die Aufgabe gelingt einfach nicht. Am Ende ist es frustriert und versteht nicht, wieso es ständig getadelt wird.

Eltern und Lehrkräfte versuchen es immer wieder vergeblich mit Erklärungen, gutem Zureden, Anschreien, Bestechung oder Strafen zu manipulieren und schieben sich dabei oft gegenseitig die Schuld für die scheinbar mangelnde Kooperationsbereitschaft des Kindes zu. Alle erzieherischen Maßnahmen, die bei „normalen“ Kindern funktionieren, laufen immer wieder ins Leere, und der Leidensdruck bei allen Beteiligten ist groß. Schnell stehen dann Diagnosen wie AD(H)S im Raum.

Was sind Exekutivfunktionen?

Wir unterscheiden 11 Exekutivfunktionen, davon betreffen 5 eher das Denken und 6 eher das Handeln.

Die Einteilung und die Anregung zu diesem Artikel habe ich dem folgenden Buch entnommen:

Ped Dawson / Richard Guare: SCHLAU, ABER…
Hogrefe 2016, ISBN 978-3-456-85680-3

Exekutivfunktionen des Denkens

  • Arbeitsgedächtnis (Informationen im Gedächtnis behalten, während man eine komplexe Aufgabe ausführt, dabei auf Vorerfahrungen zurückgreifen können)
  • Planen / Setzen von Prioritäten (zielgerichtet arbeiten und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden)
  • Organisation (Ordnungssysteme schaffen und Dinge wiederfinden)
  • Zeitmanagement (Zeitbedarf für Aufgaben abschätzen und Fristen einhalten)
  • Metakognition (eigenes Denken und Verhalten distanziert betrachten und so Probleme lösen können) — hier sind hochbegabte junge Menschen meistens gut aufgestellt, und das hilft ihnen und uns, die Schwächen bei den übrigen Exekutivfunktionen aktiv anzugehen.

Exekutivfunktionen des Handelns

  • Reaktionshemmung (erst denken, dann handeln)
  • Emotionale Regulation (sich beherrschen können, um bestimmte Ziele zu erreichen)
  • Aufmerksamkeitssteuerung (bei einer Aufgabe bleiben können, auch wenn man müde, gelangweilt oder abgelenkt ist)
  • Initiieren von Handlungen (rechtzeitig mit Aufgaben anfangen)
  • Zielgerichtete Beharrlichkeit (Aufgaben zu Ende führen und sich nicht ablenken lassen)
  • Flexibilität (Pläne an veränderte Bedingungen anpassen können)

Exekutivfunktionen können abhängig von der Tagesform und den äußeren Bedingungen sein. Psychische Anspannung oder Ermüdung können einen sehr großen Einfluss haben.

Auch bei der IQ-Testung sind diese Faktoren von Bedeutung. Beim WISC-V ist das Arbeitsgedächtnis einer von fünf primären Indexwerten. Gibt es hier einen „Ausreißer“ nach unten, wird häufig auf ADHS geschlossen. Es kann dafür allerdings auch eine Menge andere Gründe geben.

Wie kann ein Defizit bei den Exekutivfunktionen entstehen?

Die wichtigste Phase für die Entwicklung der Exekutivfunktionen ist das 3.–7. Lebensjahr. In diese Zeit fallen üblicherweise Aktivitäten wie freies Spielen, Rollenspiele, erste Regelspiele, Bauen, Malen und Basteln. Die Interaktion unter Spielpartnern trägt besonders zur Ausprägung von Exekutivfunktionen bei.

Viele hochbegabte Kinder sind sehr „kopflastig“ und haben wenig Interesse an alterstypischen Beschäftigungen. Durch ihren kognitiven Entwicklungsvorsprung werden sie von Gleichaltrigen oft nicht verstanden und als „komisch“ wahrgenommen. In der Folge finden sie schwerer Spielpartner und können wichtige Entwicklungsprozesse nicht durchlaufen. Das ist ein Grund, weshalb für hochbegabte Kinder eine strenge Sortierung nach Jahrgängen wenig förderlich ist. Sie sollten nicht nur regelmäßig mit Gleichaltrigen interagieren dürfen, sondern mindestens genau so häufig mit gleich Befähigten und gleich Interessierten!

Weiterhin ist es wichtig zu bedenken, dass es hochbegabten Kindern auf Grund ihrer vernetzten und mehrdimensionalen Denkweise schwerer fällt, sich lineare Abläufe (z.B. mehrteilige Anweisungen) zu merken. Auch ihre eigenen Vorhaben und Pläne sind komplexer als die gleichaltriger Kinder, und die Exekutivfunktionen reichen häufig noch nicht aus, um die Pläne auch umzusetzen bzw. die Arbeit daran auch zu Ende zu führen. Hier brauchen sie viel mehr Training und behutsame Begleitung als durchschnittlich begabte Gleichaltrige.

Wie können wir hochbegabten Kindern helfen, ihre Exekutivfunktionen zu verbessern?

Hochbegabte Kinder sind sich ihres Mangels meistens sehr wohl bewusst, haben aber keine Angebote, um sich eigeninitiativ verbessern zu können, weil oft die Passung mit der Lernumgebung ungenügend ist. Von Vorteil ist es, wenn sich die Kinder an älteren Geschwistern oder Freunden orientieren können. Erzieherische Strenge oder ausgeklügelte pädagogische Maßnahmen sind dagegen häufig sogar kontraproduktiv, weil sie an den Bedürfnissen des Kindes vorbeigehen und dessen Unsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle verstärken, statt die Motivation zu heben.

Zunächst einmal ist es wichtig, den Druck herauszunehmen und den Kindern Erfolgserlebnisse und Selbstwirksamkeitserfahrungen (ich strenge mich an und erreiche dadurch ein Ziel) zu ermöglichen.

Dazu ist es nötig, zunächst die Umgebung und die Aufgaben an das derzeitige Fähigkeitsniveau des Kindes anzupassen. Von dort ausgehend bespricht man mit dem Kind auf Augenhöhe die zu gehenden Schritte.

Bevor wir jedoch an den schwächeren Exekutivfunktionen „herumdoktern“, ist es wichtig, auch die stärker ausgeprägten Exekutivfunktionen zu identifizieren und mit dem Kind zu überlegen, wie es mit deren Hilfe seine Schwächen ausgleichen kann (z.B. Kind ist nicht sehr ausdauernd, kann aber gut planen, oder Kind hat Schwächen im Arbeitsgedächtnis, kann aber gut Ordnung halten).

Sei am besten einmal ehrlich zu dir und mache eine Bestandsaufnahme deiner Exekutivfunktionen. Dann siehst du, dass du auch nicht in allen gut bist und das mit deinen Stärken mehr oder weniger gut kompensierst.

Hochbegabung, Exekutivfunktionen und ADHS

Wenn tatsächlich ADHS-Symptome auftreten, dann sind immer gleichzeitig mehrere Exekutivfunktionen betroffen. Zentral sind dabei die Reaktionshemmung, die Aufmerksamkeitssteuerung und das Arbeitsgedächtnis. Können wir die Symptome sowohl in der Schule aus auch zu Hause und in der Freizeit über einen längeren Zeitraum beobachten, ist es an der Zeit, die Ursachen abzuklären.

Ursachen für ADHS-Symptome

Nachdem ADHS Ausdruck einer Überforderung der Anpassungsreserven (also des Gesamtsystems) ist, gibt es in der Regel mehrere Ursachen, und das macht die Suche so aufwändig. Eine ursächliche Behandlung ist jedoch in jedem Fall viel nachhaltiger und birgt weniger Risiken als eine Medikation (die natürlich zur Milderung des Leidensdruckes versucht werden kann, wenn andere Lösungen noch nicht zur Verfügung stehen).

Faktoren, die die Exekutivfunktionen beeinträchtigen bzw. das Auftreten von ADHS-Symptomen begünstigen, können unter anderem in den folgenden Bereichen zu suchen sein:

  • Seh- oder Hörprobleme
  • Wahrnehmungsstörungen
  • frühkindliche Reflexe
  • Entwicklungsrückstände und asynchrone Entwicklung
  • Umweltgifte
  • Allergien
  • Nahrungsmittelunverträglichkeiten
  • Ernährungsfehler
  • Bewegungsmangel
  • allgemeine Überreizung, z.B. durch Medien
  • familiäre Verstrickungen und Konflikte
  • Traumata
  • Passungsprobleme in der Schule

Hier gilt es, Belastungen schrittweise da abzubauen, wo es möglich ist, bis die Symptome beherrschbar werden und der Leidensdruck nicht mehr so stark empfunden wird. Es gibt da keine Patentlösungen. Hilfreich ist es immer, einen ganzheitlich und naturheilkundlich arbeitenden Kinderarzt aufzusuchen, der gut mit Fachleuten und TherapeutInnen aus verschiedenen Bereichen vernetzt ist.

Hochsensibilität als Verstärker

Bei vielen hochbegabten Kindern kommt eine ausgeprägte Hochsensibilität als erschwerender Faktor hinzu. Die Frage, ob Hochsensibilität hier als Ursache oder als Auswirkung zu sehen ist, ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Wenn du dir bei dieser Thematik Austausch und Unterstützung wünschst, schreib mich gerne an.