MenschensBILDUNG
Karin & Svenka Kahl
99830 TREFFURT (D)

Schule der Zukunft

Wie die Schule der Zukunft aussehen sollte

Was braucht es, damit die Schule der Zukunft dem Anspruch, ALLEN jungen Menschen eine zeitgemäße Bildung zu ermöglichen, gerecht wird?

Dina Mazotti von begabt und glücklich hatte zu einer Blogparade unter dem Titel „Wunschzettel an die Schule“ eingeladen, und da war ich sehr gern dabei! Du liest hier eine ergänzte und aktualisierte Version meines Artikels von 2022.

Schulsystem wie vor 300 Jahren

Unsere Schulen wurden ursprünglich nach dem Vorbild von Kirche, Militär und später dem Fließband in der Fabrik erdacht. Strukturell hat sich seit der Einführung der Schulpflicht in Preußen im Jahr 1717 durch Friedrich Wilhelm I. erstaunlich wenig verändert – obwohl sich die Welt seither radikal gewandelt hat.

Die Corona-Pandemie und die Entwicklung der KI wirkten in den letzten Jahren wie ein Brennglas für die seit Jahrzehnten offensichtlichen Mängel eines Schulsystems, das immer noch auf Gehorsam, Normierung, Bewertung, Konkurrenz und Auslese setzt. Auf der Strecke bleiben dabei die Lernfreude, die Förderung menschlicher Vielfalt und individueller Begabungen sowie das Erlernen wichtiger Skills wie eigenständiges Denken, Kooperation und Verantwortungsbewusstsein.

Trotzdem stellt Schule auch einen hohen Anspruch an sich selbst. Im Schulgesetz von Berlin lesen wir in § 3 Absatz 3: Schulische Bildung und Erziehung sollen die Schülerinnen und Schüler insbesondere befähigen,

1. die Beziehungen zu anderen Menschen in Respekt, Gleichberechtigung und gewaltfreier Verständigung zu gestalten sowie allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

7. die Folgen technischer, rechtlicher, politischer und ökonomischer Entwicklungen abzuschätzen sowie die wachsenden Anforderungen des gesellschaftlichen Wandels und der internationalen Dimension aller Lebensbezüge zu bewältigen.

9. ihr zukünftiges privates, berufliches und öffentliches Leben in Verantwortung für die eigene Gesundheit und die ihrer Mitmenschen auszugestalten, Freude am Leben und am Lernen zu entwickeln sowie die Freizeit sinnvoll zu nutzen.

Diese Ziele, die so ähnlich in allen deutschen Schulgesetzen zu finden sind, klingen gut – und sie sind es auch. Viele Lehrkräfte kämpfen täglich dafür, genau das zu verwirklichen. Und doch sind wir von ihrer flächendeckenden Umsetzung noch weit entfernt — nicht weil es am Willen der Menschen fehlt, sondern weil das System mit der gesellschaftlichen Entwicklung schon lange nicht mehr Schritt halten kann und unter allen Beteiligten viel Unsicherheit herrscht.

Doch woran krankt das Schulsystem? Immer noch glauben Erwachsene, am Schreibtisch entscheiden zu können, welche Kompetenzen für junge Menschen in den kommenden Jahrzehnten relevant sein werden und unter welchen Bedingungen sie erworben werden können – ohne dass die Menschen an der Basis, Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler, ausreichend gehört werden. Wenn wir uns fragen, wie viel von dem, was wir heute täglich wissen und tun müssen, wir selbst in der Schule gelernt haben, gibt das zu denken.

Angesichts der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung und der exponentiellen Zunahme des Weltwissens erscheint allein der Gedanke, man könnte Kindern Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten auf Vorrat mitgeben, zunehmend unrealistisch.

Was macht die Schule mit unseren Kindern, mit Lehrkräften und Familien?

Wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie und der Hirnforschung, etwa das Konzept der Neurodiversität, die Kernpunkte gelingender Inklusion, die Polyvagaltheorie und das traumasensible Arbeiten, finden noch viel zu selten den Weg in die schulische Praxis.

Lehrkräfte wissen oft durchaus darüber Bescheid, werden aber mit der Umsetzung allein gelassen, weil die Rahmenbedingungen z. B. einen inklusiven Unterricht gar nicht erlauben. Wo Lehrpläne und Leistungsdruck dominieren, bleibt für individuelle Förderung wenig Spielraum. Wer sich nicht ins enge Schema einpasst, läuft Gefahr, pathologisiert zu werden.

Neurodivergente Kinder und Jugendliche, denen die Schule nicht guttut, können trotzdem nicht einfach fernbleiben. Es gibt für sie in Deutschland fast keine legalen Alternativen zur Schulgebäudeanwesenheitspflicht. Statt ihr Recht auf Bildung wahrnehmen und lernen zu können, sind sie über Jahre mit dem Überleben im Schulalltag beschäftigt und erleiden langfristigen Schaden an ihrer Gesund und Lebensqualität. Was wäre, wenn auch diese jungen Menschen gleich nach der Schulzeit voller Kraft, Mut und Zuversicht in eine zu ihnen passende berufliche Laufbahn starten könnten?

Aber auch die neurotypischen jungen Menschen, deren Anpassungsreserven ausreichen, um die Schule mit dem gewünschten Abschlusszeugnis zu verlassen, sind danach häufig rat- und orientierungslos, weil sie sich über viele Jahre daran gewöhnt haben, dass ihre Bedürfnisse, Werte, Interessen und Meinungen weniger gefragt sind als fremde Erwartungen.

Druck erzeugt Angst, und Angst lähmt genau die Denkfähigkeiten, die wir eigentlich fördern wollen. Ganze Familien leben in chronischem Stress – und Lehrkräfte nicht minder: Wer seinen Beruf mit echtem Engagement und Herzblut ausübt, stößt im System oft an Grenzen, die zermürben.

Es mangelt nicht an guten Ideen und engagierten Menschen. Vorzeigeschulen wie die Gewinner des Deutschen Schulpreises zeigen, was möglich ist. Aber solange der Leidensdruck aller Beteiligten nicht dort ankommt, wo Entscheidungen getroffen werden, wird sich in der Breite wenig verändern.

Das Schulsystem von Grund auf neu erfinden!

Ein Haus, das wackelt, lässt sich nur begrenzt renovieren – manchmal braucht es einen ehrlichen Blick aufs Fundament. Um eine Schule zu haben, die tatsächlich jedem jungen Menschen und uns allen als Gesellschaft nützt, sollten wir sie vollkommen neu erdenken.

Dabei ist es hilfreich, die drei folgenden Ausgangspunkte zu beachten:

  • Welche Potenziale bringen junge Menschen mit auf die Welt? Wie können wir sie zur Entfaltung bringen?
  • Welche Bedürfnisse sind jedem einzelnen Menschen angeboren? Wie können wir als menschliche Gesellschaft überleben und uns weiterentwickeln?
  • Was braucht es, um die existenziellen Probleme der Menschheit und unseres Planeten Erde zu lösen? Welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen Menschen haben, die dazu in der Lage sind? Wie können wir unseren Kindern ermöglichen, diese zu erwerben?

Dazu notiere ich im folgenden einige Gedanken.

Leben ist Lernen

Jeder Mensch kommt — wie im übrigen alle Lebewesen — mit der Fähigkeit und dem Wunsch zur Welt, aus eigenem Antrieb und selbstgesteuert zu lernen. Wir müssen Babys nicht im Laufen und Sprechen unterrichten, nein, es genügt, ihnen eine sichere und anregende Umgebung zu schaffen, wo sie es von uns abschauen und im eigenen Tempo lernen können.

Schon ganz kleine Kinder kommen von selbst auf uns zu, wenn sie sich gezielte Unterstützung von uns wünschen. Wir können sie auch anbieten, aber sollten die Entscheidung beim Kind lassen. Wir dürfen unseren Kindern vertrauen, denn die richtigen Lernprozesse sind tief in unserem menschlichen Wesen angelegt.

Im sogenannten Vorschulalter setzt sich das selbstbestimmte Lernen fort. Kinder erwerben rasend schnell und mit Freude Fähigkeiten, die ihnen eine immer größere Autonomie ermöglichen. Wenn wir ihre Impulse aufgreifen, Fragen beantworten und sie an unserem Alltag teilhaben lassen, tun wir genug, damit ihr Lernbedürfnis befriedigt wird. Was veranlasst uns zu der Annahme, dass diese Art zu lernen mit dem 6. Lebensjahr zwangsläufig ein Ende haben muss?

Warum und wie lernen wir eigentlich?

Lernen geschieht ständig, wenn wir uns mit unserer Lebensumwelt auseinandersetzen und mit ihr interagieren, mit dem Ziel, unsere Bedürfnisse nach Sicherheit, nach Zugehörigkeit und Bindung, nach Autonomie, nach der Erhöhung unseres Selbstwertes und nach Lebensfreude zu erfüllen. In Anlehnung an Paul Watzlawick können wir sagen: “Man kann nicht nicht lernen.”

Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass wir Menschen am besten lernen,

  • wenn wir von etwas begeistert sind
  • wenn ein Thema für uns bedeutsam ist
  • wenn wir uns sicher in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen
  • wenn wir Vorbilder haben, an denen wir uns orientieren können
  • wenn wir frei von Angst, Druck und ungefragter Bewertung sind
  • wenn wir uns Aufgaben stellen dürfen, die knapp über unserem derzeitigen Fähigkeitsniveau liegen und dadurch Selbstwirksamkeit erfahren
  • wenn wir Anerkennung und Wertschätzung bekommen und
  • wenn wir uns als Gestalter unseres Lebens wahrnehmen

All diese Erkenntnisse sollte eine gute Schule umsetzen. Dazu müssen sich die Rollenbilder und das Beziehungsgefüge grundlegend ändern!

Die Schule der Zukunft

Lehrkräfte werden zu Lernbegleiter*innen

Wir dürfen die Verantwortung für das Lernen an die jungen Menschen zurückgeben und sie dabei beobachten. Wenn sie unser Vertrauen spüren, werden sie von selbst unsere Hilfe einfordern, wenn sie diese benötigen. Aufgabe einer Lehrerkraft sollte es sein, darüber zu wachen, dass für jede*n einzelne*n Schüler*in die oben genannten Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen erfüllt sind. Zudem sorgt die Lehrperson für die Bereitstellung der benötigten Ressourcen und Strukturen und greift moderierend ein, wenn junge Menschen ihre Konflikte noch nicht allein lösen können.

Schüler*innen werden zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten

Wenn Kinder selbst entscheiden dürfen, was, wann, wie, wo, mit wem und von wem sie lernen dürfen, erhalten wir ihre angeborenen Lernfähigkeiten und ihre intrinsische Motivation. Sogenannte pädagogische Maßnahmen erübrigen sich und alle Beteiligten können entspannter miteinander umgehen.

Eltern sind die wichtigsten Mentor*innen ihrer Kinder

Viel zu lange haben wir die Verantwortung für die Bildung unserer Kinder, vor allem für die Inhalte und den Zeitplan, an die Schule abgegeben. Spätestens seit Corona ist klar, wie sehr wir als Eltern beeinflussen können, wie erfolgreich unser Kind lernt. Die Familie ist und bleibt der primäre Lernort junger Menschen. Auch Geschwister, Großeltern und andere vertraute Personen spielen eine große Rolle.

Wir kennen unsere Kinder am besten. Wir wissen, welche Stärken und Interessen sie haben, was sie begeistert und motiviert. Indem wir sie als gleichwürdige Familienmitglieder in unser gesamtes Leben einbeziehen und ihnen unsere Werte vorleben, bauen wir ein sicheres Fundament für ihr eigenständiges Leben.

Die Arbeitsbedingungen in der Schule lassen es kaum zu, dass Lehrkräfte unsere Kinder außerhalb des eng gesteckten Rahmens von Lehrplan und Klassenstruktur kennenlernen. Dabei hat ihre Persönlichkeit so viele tolle Facetten, die gesehen werden wollen! Eltern dürfen Lehrkräften helfen, diese Potenziale auch für das schulische Lernen nutzbar zu machen, indem sie das Lernen ihrer Kinder dokumentieren und Arbeitsproben mit in die Schule geben.

Die Schule muss die Rolle der Eltern endlich wieder anerkennen. Lehrkräfte und Eltern müssen sich auf Augenhöhe begegnen und vertrauensvoll Informationen austauschen. Genauso wichtig ist die Augenhöhe zwischen den Erwachsenen und den jungen Menschen, wenn es um ihre Bildung geht. Da, wo Familien es sich wünschen, können externe Berater*innen mit zum Erfolgsteam beim Lernen gehören. Aber niemals sollten schulische Probleme an medizinische Fachpersonen delegiert werden und Eltern zu Diagnosen genötigt werden.

Wie sieht eine ideale Lerngemeinschaft aus?

Wir dürfen den Kindern auch zutrauen, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Das geschieht, indem wir heterogene Lerngemeinschaften aufbauen, wo die „Kleinen“ von den „Großen“ lernen können, wo Augenhöhe herrscht und sich jede*r einbringen kann.

Erwachsene leben Werte wie Respekt, gegenseitige Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft vor und moderieren die Aufstellung gemeinsamer Regeln für die Gruppe. Wer diese Regeln nicht einhält, erfährt sinnvolle Konsequenzen, die ihm ermöglichen, ein verantwortungsvolles Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Regeln werden dann verändert, wenn sie für einen Großteil der Gruppe nicht mehr zielführend sind.

Was sollen Schüler*innen lernen?

Aus dem oben Geschriebenen folgen schon die grundlegenden Werte, die Schule nach meiner Ansicht leben und dadurch vermitteln sollte:

  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
  • Vertrauen in andere Menschen und die Welt an sich
  • Respekt und Wertschätzung für alle Mitmenschen und die gesamte Natur
  • zunehmende Eigenverantwortung in allen Bereichen
  • Engagement für die Gemeinschaft
  • Ehrlichkeit
  • Authentizität
  • Akzeptanz von und Mut zur Vielfalt

Beim letzten genannten Punkt ist entscheidend, dass das Konzept der Neurodiversität in vollem Umfang anerkannt und gelebt wird! Nur so ist es möglich, dass alle jungen Menschen gesund aufwachsen und ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können. Mehr dazu findet sich in meinem Ratgeber “Rund um Neurodivergenz in der Schule”, der im März 2026 im Verlag an der Ruhr erschienen ist.

Welche Kompetenzen sind in Zukunft gefragt?

Die Fähigkeiten, die wir brauchen, um unsere Zukunft meistern zu können, sind nach meiner Erfahrung vor allem folgende:

  • Team- und Beziehungsfähigkeit
  • Kreativität und Problemlösekompetenz
  • Selbstmanagement
  • eigenständige Wissensaneignung
  • Hinterfragen und Bewerten von Informationen
  • Überprüfen und Bewerten der eigenen Arbeit
  • Lernen aus Fehlern, positive Fehlerkultur
  • sachliche Kritik üben und annehmen können
  • Neues wagen und Risiken abschätzen
  • Kooperation und Kollaboration
  • Flexibilität
  • Durchhaltevermögen
  • Resilienz

Bestimmt habe ich noch einiges vergessen, Schreib mir gerne, wenn du die Liste ergänzen würdest!

Egal, welche Fähigkeiten noch hinzukommen — all das können junge Menschen (egal ob in oder außerhalb von Schule) an selbst gewählten Projekten lernen, wenn sie die folgenden 6 Bedingungen vorfinden, die der amerikanische Entwicklungspsychologe und Bildungsforscher Peter Gray herausgearbeitet hat.

Die 6 Rahmenbedingungen für eine gelingende selbstbestimmte Bildung

  • Eigenverantwortung der jungen Menschen für ihre Bildung
  • unbegrenzte Zeit zum freien Spielen
  • Gelegenheit, mit den wichtigsten Werkzeugen der Kultur zu spielen
  • freie Altersmischung
  • sichere, wertschätzende Lerngemeinschaften
  • unterstützende erwachsene Vorbilder

Wenn dir das alles zu weit ab von der gelebten Schulkultur erscheint, dann schau dir einmal demokratische Schulen an, falls du das Konzept noch nicht kennst.

Empfehlenswert ist auch der Film „Schools of Trust“ von Christoph Schuhmann.

Du siehst also, dass wir das alles sofort überall umsetzen könnten. Aber wie ich weiter oben schon schrieb, die Veränderung wird nicht von den Schreibtischen der Bildungspolitiker*innen ausgehen.

Deshalb kommt es auf dich an. Was tust du heute, um unseren Kindern bzw. Schüler*innen ein gesundes Aufwachsen und eine zeitgemäße Bildung zu ermöglichen und dadurch die Menschheit und unseren Planeten zu retten?


Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun,
dann werden sie das Gesicht der Welt verändern.

— afrikanisches Sprichwort

1 Kommentar zu „Wie die Schule der Zukunft aussehen sollte“

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